Von Dieter E. Zimmer

Man kann sie als zusammengehörige Filme über den seelischen Analphabetismus sehen: Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ und jetzt den neuen, „Von Angesicht zu Angesicht“. „Das Fürchterliche ist, daß wir seelische Analphabeten sind“, sagte Bergman in einer Fernsehdiskussion über den Ehefilm. „Wir lernen eine ganze Menge über die Backenzähne der Eichhörnchen, die Schwellkörper im Penis, die Wurzel aus Pi und ich weiß nicht was. Aber wir lernen nicht das Geringste über unsere Seelen.“

Die beiden Filme haben viel miteinander gemein. Beides sind Fernsehserien, zu überlangen Spielfilmen zusammengeschnitten. -Beide haben in Liv Ullmann und Erland Josephson dieselben Hauptdarsteller. Beide spielen sie im begüterten akademischen Milieu Schwedens, so daß keine profanen Äußerlichkeiten wie etwa Geldsorgen von den inneren Dramen ablenken. Beide kommen mit einem Minimum an szenischem Aufwand aus – im zweiten noch mehr als im ersten beobachtet die Kamera vor allem Gesichter, in Groß- oder Nahaufnahme, oft vor einfarbigen Wänden. (Die szenische Kargheit habe ihn schon immer gereizt, sagt Bergman in dem Interview-Buch „Bergman über Bergman“: Sie erlaube es dem Regisseur nicht, sich herauszutricksen.) Und beide Filme sind nach dem Prinzip der Demontage gebaut: Eine nach außen hin respektable, intakte, ja glückliche Welt wird eingerissen; beide Male bekommt der Zuschauer es mit Lebensläufen zu tun, die beneidenswert in Ordnung scheinen – bis bei näherem Zusehen die Hölle losbricht.

Nicht zuletzt handelt es sich bei beiden Filmen sozusagen um „Geschichten, die das Leben schrieb“. Man könnte sie sich als Illustriertenromane denken oder als Fälle aus dem Kummerkasten. Damit ist nichts Abschätziges gesagt, im Gegenteil. Die Alltäglichkeit der Phänomene (daß eine Ehe nicht funktioniert, daß jemand einen Nervenzusammenbruch bekommt und nicht mehr leben will) macht diese noch lange nicht banal. Der große Erfolg beider Filme geht zweifellos gerade darauf zurück, daß Bergman noch einmal die Naivität aufbringt, solche millionenfach gemachten „existentiellen“ Erfahrungen, vor denen auch die Klügsten zu Kindern werden, wenn sie selber betroffen sind, direkt und ohne Umwege anzugehen, als entdeckte er sie zum erstenmal.

Damit aber hören die Gemeinsamkeiten auf. Die „Szenen einer Ehe“ waren ein ganz und gar diesseitiger und sozusagen agnostischer Film. Die säuberliche Ordnung und Übersichtlichkeit einer langen Ehe unter vorbildlich ehetauglichen Leuten erwies sich als eine raffinierte Lüge; und hilflos, ja trotz allen Diskussionen sprachlos fingerten der Mann und die Frau in ihren Wunden, Verletzlichkeiten, Gemeinheiten und Aggressionen herum, um vom Regisseur schließlich in eine sehr ungewisse Zukunft entlassen zu werden, von der nur feststand, daß jeder für sich allein sein muß, ehe auch nur daran zu denken ist, eine Lebensform zu finden, die ihnen eine nicht durch und durch verlogene Gemeinsamkeit erlaubt.

Diese Zurückhaltung, dieses ergiebige Gegenteil von Besserwisserei, das den Regisseur zu einem geduldigen Beobachter und Zuhörer machte, hat Bergman in „Von Angesicht zu Angesicht“ aufgegeben. Hier wird eine Seele repariert – und der Zuschauer erfährt weder, wo genau der Fehler lag, noch wie er behoben wurde.

Jenny Isaksson ist eine erfolgreiche berufstätige Frau mit Mann und Kind und Liebhaber. Sie ist sogar Spezialistin für seelische Krisen: Gerade vertritt sie in einem Krankenhaus den Oberarzt der psychiatrischen Abteilung. „Ein herrlicher Tag“, sind ihre ersten Worte, und bald behauptet sie von sich: „Ich gehöre zu den Menschen, denen es überall gefällt.“