Von Carl-Christian Kaiser

Dortmund, im Juni

Gäbe es Dortmund nicht, die SPD müßte es gründen. Stünde dort keine Westfalenhalle, die Partei sollte sie bauen. Wären die Sozialdemokraten von Ratlosigkeit heimgesucht, die Bierbrauerstadt würde ihre Siegeszuversicht stärken. Manche zeigten Unglauben, als sich Hermann Heinemann, der Vorsitzende des SPD-Bezirks Westliches Westfalen, dafür verbürgte, daß die Halle am Abend nach dem sozialdemokratischen Wahlkongreß bis in die höchsten Ränge hinauf gefüllt sein werde.

Aber er behielt recht. Schon zwei Stunden vor dem Beginn der Kundgebung, mit der die Partei Kongreßende und Wahlkampfauftakt nahtlos verband, drängten sich die Leute vor den Eingängen, und eine Stunde vor dem Anfang war die Arena mit mehr als 18 000 Menschen besetzt. Sie standen auf den Stühlen, als Helmut Schmidt, Willy Brandt, Herbert Wehner und Walter Arendt im Triumph einzogen, sie skandierten „Willy, Willy“ und auch „Helmut, Helmut“, und als die vier vorn auf dem Rednerpodium aus der Menge auftauchten, schlug der Jubel noch einmal über ihnen zusammen. Die sozialdemokratische Gemeinde des Ruhrreviers war versammelt. Da handelte es sich nicht nur um Schmeichelei, als Willy Brandt vor dem riesigen rauchigen Rund von Dortmund als der „heimlichen Hauptstadt der deutschen Sozialdemokraten“ sprach.

Sich dem Gefühl hingeben zu können, so wiederum Brandt, „als ob wir nach Hause kämen“, mochte den vier auf dem Podium und den vielen noch dagebliebenen Delegierten des Kongresses um so angenehmer erscheinen, als der Parteitag mit sich selbst nicht so recht ins reine gekommen war. Optimismus hatte sich mit Unzufriedenheit gemischt, Bewegung mit Langeweile.

Was Zuversicht und Schwung angeht – sie gediehen so weit, daß sogar von einem fröhlichen Wahlkampf die Rede war. Der Wirtschaftsaufschwung ist da, die Arbeitslosigkeit schrumpft, die Preise treten auf der Stelle. Die sozial-liberale Koalition kann den Anspruch erheben, eine gefährliche Rezession gemeistert zu haben, ohne daß es den Wählern sonderlich ans Portemonnaie gegangen ist oder größere soziale Beulen zurückgeblieben sind. Die Popularität des Kanzlers läßt kaum zu wünschen übrig, wenn auch die Partei noch um einiges aufschließen muß. Die internationale Reputation der Bundesrepublik ist noch gewachsen. Das sind Gründe genug, selbstsicher anzutreten, auch wenn es diesmal auf Biegen und Brechen gehen könnte. Aber im Verein mit den Freien Demokraten müßte sich die Bonner Bastion halten lassen.

Das alles haben Helmut Schmidt und viele andere auf dem Dortmunder Wahlkongreß auch kräftig herausgestrichen. Aber manchmal schien es doch, als sprächen sie ins Leere. Der Unzufriedenheit und Langeweile wurden sie nur zum Teil Herr. Noch immer fällt es der Sozialdemokratischen Partei schwer, sich damit abzufinden, daß sie ihr „Modell Deutschland“ nicht mit einem einzigen großen Wurf erreichen kann. Der Prozeß der Ernüchterung dauert an. Daß die wirtschaftlichen Umstände, die Ebbe in den Staatskassen, die bei den Wählern verbreitete Reformskepsis und der Riegel der oppositionellen Bundesratsmehrheit nur eine Politik der kleinen Schritte erlauben und daß es insgesamt auf eine Konsolidierung des Erreichten ankommt – das alles läßt sich mit dem Verstand sagen und begreifen. Aber die Erinnerung an den großen Aufbruch von 1969 und die alles in Bewegung setzende Mobilisierung von 1972 ist noch zu lebendig. Da hat es die Vernunft schwer, alte Erwartungen und neue Hoffnungen einzufangen. Die Gefühle haben das Jahr 1976 noch nicht erreicht.