Ihr könnt gegen mich sagen, was Ihr wollt, ein Feigling bin ich nicht“, rief Heinz Kühn in die tobende Bergarbeitermenge von Dortmund-Huckarde, aber die 15 000 um ihre Arbeitsplätze Bangenden, rote und schwarze Fahnen schwenkend, waren nicht zu beruhigen. Da ging eine kleine, schwarzhaarige Frau ans Pult, machte eine einzige Handbewegung, und die aufgebrachten Kumpel brachen den Tumult ab, über den Platz ging echoartig das artikulierte Erstaunen: „Die Luise ist da...“

Niemand hatte sie gebeten, andere hatten gekniffen, aber Luise Albertz wollte „einfach dabeisein“ an diesem Oktobertag 1967, als es darauf ankam, „die Vernunft im Ruhrgebiet, aber auch in Bonn“, wo man die Auswirkungen einer neuen Kohleabsatzkrise nicht so recht begreifen wollte, wiederherzustellen.

Von Emanzipation war noch keine Rede, als sich die unscheinbare Sekretärin des von der Besatzungsmacht eingesetzten Oberbürgermeisters keck in der Männerrunde umschaute und mit fester Stimme den SPD-Freunden versicherte: „Ja, ich kandidiere.“ Und prompt wurde die am 22. Juni 1901 in Duisburg geborene Luise Albertz, deren Vater im KZ umgekommen war, im November 1946 zum ersten weiblichen Oberbürgermeister einer westdeutschen Großstadt gewählt, und bis heute, nahezu ununterbrochen, stand und steht die Frau an der Spitze des Rates. Sie kämpft mit den Waffen der Männer, aber sie ist kein Mannweib geworden, sondern mütterlich geblieben im Umgang mit den Menschen.

Ja, die Nase hatte sie schon öfters „voll“, zuletzt 1970. Da schlug die linke Keulenriege zu, der Oberbürgermeisterstuhl sollte einem Avantgardisten der radikalen Juso-Minderheit erstürmt werden, aber „Genossin Luise“ blieb Sieger. Die Parteiämter warf sie den Eiferern vor die Füße, und die Stadt der Kumpel und Stahlkocher stellte sich demonstrativ an die Seite der alten Sozialdemokratin, eines der letzten lebenden Wahrzeichen sozialdemokratischer Existenz aus Kaisers Zeiten. Wie ein Mann stand Oberhausen zu dieser Frau. Das männliche Pendant lebt auf der anderen Rheinseite in Moers, auch schon seit mehr als 25 Jahren diese Stadt regierend – Albin Neuse, einer der Siebzigjährigen in der 110 Jahre alten SPD. Albertz wie Neuse repräsentieren zusehends als rühmliche Ausnahmen eine Partei-Generation, die Solidarität untereinander stets höher stellten, als den Griff nach der Macht. Die jahrelangen Verfolgungen haben sie geprägt.

„Luise von Rhein-Preußen“, der ehrende Volksmundtitel soll Verbindung zur legendären preußischen Königin Luise herstellen, die für ihr Land bei Napoleon tapfer um Gnade bat, aber Frau Albertz hört dergleichen „Schmus“ nicht gern. Sie ist „stolz“ darauf, Oberbürgermeisterin zu sein, Landtag und Bundestag „von innen“ erlebt zu haben und ringt unaufhörlich „mit Gott und der Welt“ um das Fortkommen ihrer Stadt, Vieles holt sie bei Verbänden und Regierungen heraus, und seien es Bürgschaften. Als ein Großbetrieb in Nöten war, rückte sie mit den Arbeitern „dem Genossen Kühn auf den Pelz“, und „unserem geliebten Willy in Bonn“ schrieb sie Brandbriefe – als stets ergebene wie zähe Luise von Oberhausen. Horst-Werner Hartelt