Kaum jemand, dies vorweg, denkt heute noch daran, daß die Konjunktur erneut durchsacken könnte. Das Klima hat sich gründlich verändert. Die Sorge gilt heute schon wieder der entgegengesetzten Gefahr. Nach Meinung der Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sind einige führende Länder „an der Schwelle eines neuen Booms“, der rasch gebremst werden müßte.

Die Diagnosen im Inland lauten ähnlich. So schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in seinem letzten Wochenbericht: „Die derzeitige konjukturelle Aufwärtstendenz, zunächst für unwahrscheinlich gehalten, dann als Strohfeuer abgetan, erweist sich mehr und mehr als deutlicher Aufschwung, bei dem die Auslastung des Produktionspotentials sogar schon früher wieder zunimmt, als noch vor einiger Zeit geglaubt wurde.“ Das Kieler Institut für Weltwirtschaft stellt in seinem letzten Halbjahresbericht lapidar fest: „Der gegenwärtige Konjunkturaufschwung ist ebenso kräftig wie jener von 1967/68.“ Erinnern wir uns: Damals gab es eine Gewinnexplosion, eine Lohnexplosion und in der Folge jährliche Preissteigerungsraten von sieben Prozent und mehr. Wenn selbst in der Bundesrepublik mit solchen Entwicklungen gerechnet werden muß – wie werden da die anderen großen Industrieländer über die Runden kommen, deren Inflationsraten immer wesentlich höher waren?

Die Frage, wie die wirtschaftliche Erholung ohne neuen Inflationsschub durchgehalten werden kann, bewegt deshalb die Regierungen der sechs großen Industrienationen des Westens mit Recht. Sie wird ein Hauptthema der Wirtschafts-Gipfel-Konferenz sein, zu der der amerikanische Präsident Gerald Ford die Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und der Bundesrepublik zum 27. und 28. Juni auf die Insel Puerto Rico eingeladen hat. Auch wenn in den USA und in der Bundesrepublik keine Wahlen anstünden, wäre allein die Gefahr, daß die Weltwirtschaft erneut von einem Inflationsfieber mit Stagnations- oder gar Rezessionsfolgen geschüttelt wird, eine Konsultation auf höchster Ebene wert.

Die Bundesregierung geht mit vergleichsweise reinem Gewissen nach Puerto Rico – soweit Wirtschaftspolitiker ihr Gewissen bei einer jährlichen Inflationsrate von fünf Prozent überhaupt reinhalten können. In den sechziger Jahren hätte die Nation aufgeheult. Heute beruhigen wir uns bei dem Gedanken, daß es den anderen noch viel schlechter geht (siehe Tabelle).

Aber selbst diese fünf Prozent dürfen wir nicht ohne weiteres für gesichert halten. Es scheint, als ob schon sehr früh im Aufschwung die Phase der Preisberuhigung beendet sei. Ob es schon in nächster Zeit wieder zu einer Beschleunigung des Preisauftriebs auf breiter Front kommen wird, ist nicht ohne weiteres zu beantworten.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit ist dabei hilfreich. Die Erhöhung des Preisindex für die Lebenshaltung innerhalb der zwölf Monate bis Mai 1976 um fünf Prozent ist das Ergebnis unterschiedlicher Entwicklungen bei den einzelnen Bestandteilen des Warenkorbs, an dem unser Geldwert gemessen wird (siehe Graphik).

Nach der Höhe der einzelnen Inflationsraten geordnet, ergibt sich eine interessante Reihe. Am unteren Ende stehen Medikamente, Kleider, Schuhe, Bildung, Gemüse, Automobile, Mieten und Reparaturleistungen – also Industriewaren, gewisse Dienstleistungen, Mieten und landwirtschaftliche Produkte, die nicht den Agrarmarktordnungen unterliegen. In der mittleren Gruppe rangieren Licht, Heizung, Benzin, Wasser, Fleisch, Eier, der öffentliche Nahverkehr und Krankenhauskosten – das sind im wesentlichen staatlich administrierte Preise und Nahrungsmittel, deren Preise von der europäischen Agrarpolitik abhängig sind; einsam an der Spitze stehen die Kartoffeln, Ergebnis einer verfehlten Anbaupolitik.