Die sechste Vollversammlung der „Organisation Amerikanischer Staaten“ (OAS) endete vorige Woche in Santiago de Chile mit einem Erfolg der gastgebenden Junta: Sie wurde getadelt, aber nicht verurteilt.

Das „Chile-Tribunal“ fand nicht statt. Obwohl die Konferenz von Anfang an die Frage der Menschenrechte in den Vordergrund rückte und Kommissionsberichte zur Kenntnis nahm, die Chile massiver Menschenrechts-Verletzungen beschuldigte, ließ sie sich von Juntachef Pinochet ausmanövrieren. Der General ging sofort zur Offensive über, gelobte für die Zukunft nachhaltige Besserung und zieh. im gleichen Atemzug lateinamerikanische Nachbarn derselben Vergehen.

Eine perfekte Organisation, die Chile von der freundlichsten Seite präsentierte, tat ein übriges, die Versammlung versöhnlich zu stimmen. So fiel die Schlußresolution – gegen die Stimmen Chiles – und Brasiliens – milde aus: Santiago solle weitere Maßnahmen zum Schutze der Menschenrechte treffen. Die Mehrheit scheute den Vorwurf, sich in die inneren Angelegenheiten des Gastlandes einzumisehen.

Mit gleicher Vorsicht vermieden die 24 Teilnehmer andere heiße Eisen: den Panama-Kanal (Washington hatte termingerecht ein weiteres Einlenken signalisiert), die nord- und südamerikanischen (Wirtschafts-)Beziehungen, die Reorganisation der interamerikanischen Zusammenarbeit; damit soll sich im März 1977 eine außerordentliche Vollversammlung, befassen.

Im Mittelpunkt des Treffens stand zweifellos US-Außenminister Kissingen Ihm fielen die Früchte eines allgemeinen Stimmungswandels zu.

  • Einmal hat das kubanische Abenteuer in Angola alte Ängste geschürt, Fidel Castro könne abermals, mit anderen Mitteln, die Revolution exportieren wollen. Sie sind um so größer, als die Wirtschaftszahlen der Zuckerinsel eine innere Konsolidierung anzeigen, die Kuba von der Sowjetunion unabhängiger macht. Castro hat mehrfach angedeutet, daß er sich wieder mehr um die „Außenpolitik kümmern werde“.
  • Die Haltung der Vereinigten Staaten, zwar auf Einhaltung der Menschenrechte zu dringen, dies aber nicht zum alleinigen Maßstab für Finanzhilfe zu machen, hat neben dem peinlichen Eindruck, den Kissinger in Santiago hinterließ, neue Erwartungen auf eine Konvergenz der Interessen von Nord und Süd geweckt. In diesen Zusammenhang gehört auch Kissingers Vorschlag, eine interamerikanische Handelskommission zu schaffen, mit der Südamerika die Hoffnung auf Beseitigung nordamerikanischer Handels-Diskriminierung verbindet. -bi