Von Hansjakob Stehle

Rom, im Juni

Im Herbst wird Italien so unregierbar sein wie es schon im Frühjahr war – wenn seine christdemokratische "Partei der relativen Mehrheit" jetzt nicht doch tut, was zu vermeiden sie ihren Wählern versprochen hatte: Die baufälligen, bröckelnden Mauern von Staat und Wirtschaft mit kommunistischen Balken abzustützen. Eine neue, solide Konstruktion wird jedoch in jedem Fall auf sich warten lassen, schon weil sich in Italien – nach der bedrückenden Weisheit des Fürsten Lampedusa – alles nur ändern muß, um so zu bleiben, wie es ist.

War es eine Vorahnung, die in der Nacht zum 22. Juni die siegreichen Helden auf der italienischen "Walstatt" so müde erscheinen ließ? Vor der kommunistischen Parteizentrale in der "Straße der finsteren Läden", wo sich vor einem Jahr – nach den Regional wählen – tausende Jungkommunisten begeisterten und dennoch Enrico Berlinguer nur zum Winken, nicht zur geballten Faust bewegen konnten, ebbte der Jubel diesmal im Laufe der Stunden immer mehr ab. Nach Mitternacht lagerten die Scharen der Unermüdlichen auf dem Pflaster zwischen weggeworfenen Cola-Büchsen und unverkauften roten Fähnchen, um still und gebannt der Fernsehübertragung zu folgen, die immer nur eines signalisierte: Die marxistische Linke hat die 50-Prozentgrenze nicht übersprungen – die KPI ist nicht zur stärksten Partei geworden – die Democrazia Cristiana (DC) ist nicht zur Ader gelassen worden.

Gleichwohl hatte Enrico Berlinguer am Abend, als sich das Wahlergebnis abzeichnete, die rote Fahne und neben ihr die nationale Trikolore hissen lassen. Auch ein paar Schritte weiter, an der christdemokratischen Parteizentrale auf dem "Jesus-Platz",ließ man Fahnen aufziehen, um alsbald die Lichter zu löschen und still nach Hause zu gehen. "Sieg der DC!" verkündete eine halbseitige Schlagzeile des Partei-Organs Popolo. Zur gleichen Stunde bekannten die ersten diristdemokratischen Analytiker, daß es nicht gelungen war, den Vormarsch der Kommunisten aufzuhalten. Fiat-Boß Umberto Agnelli, der frischgebackene DC-Senator, sekundierte im Fernsehen seinem Nachbarn, dem kommunistischen Direktionsmitglied Napoletano, der für eine "breite Verständigung aller demokratischen Parteien" plädierte, mit dem milden Bekenntnis: In der Tat gelte es jetzt, "ernste Verhandlungen" mit den Kommunisten aufzunehmen. Ein französischer Journalist sparte nicht mit Ironie: Warum die Herren denn nicht gleich einander gewählt hätten?

Ausgezogen waren die beiden Hauptrivalen der italienischen Politik freilich mit der erklärten Absicht, einander eine empfindliche Schlappe beizubringen. Am Ende aber mußten sie feststellen, daß sie beide gestärkt oder doch bestätigt, jedenfalls zugleich siegreich gewesen waren – und zwar beide auf Kosten nicht nur der abgeschlagenen Neofaschisten (der MSI verlor fast die Hälfte seiner Kammer-Abgeordneten), sondern mehr noch zu Lasten ehemaliger und potentieller Verbündeter.

Den Christdemokraten gelang es, die Verluste der Regionalwahlen vom 15. Juni 1975 fast vollständig wettzumachen, mit 38,7 Prozent fast wieder die Position von 1972 zu erreichen und nur einen einzigen Sitz in der Kammer einzubüßen. Dagegen verloren die Sozialdemokraten buchstäblich die Hälfte ihrer 30 Sitze, die Liberalen sogar Dreiviertel ihrer bisher 15 Sitze, und nur die linksliberalen Republikaner kamen mit einem einzigen Sitzverlust glimpflich davon. Die Kommunisten konnten hingegen ihre Kammersitze um eine Rekordzahl von 52 auf 227 vermehren. Sie erzielten diesen Erfolg aber nicht nur Dank vieler Jungwähler und übergelaufener Anhänger der linken oder christlichen Mitte, sondern auf Kosten der drittgrößten Partei Italiens, der Sozialisten des PSI. Die Sozialisten hatten die letzten Regierungskrisen vor den Wahlen heraufbeschworen und als einzige auf vorzeitige Neuwahlen gedrängt, weil sie sich Chancen errechneten und die Risiken leugneten. Nun haben sie nicht nur ihre Gewinne aus den Regionalwahlen von 1975 eingebüßt, sondern auch vier ihrer 1972 errungenen 61 Kammersitze verloren..