Einer der interessantesten und, zumindest für die Gegenwart der Bundesrepublik, aktuellsten Beiträge der Berlinale 1976 stammt aus dem Jahre 1957: Charlie Chaplins "A King in New York", sein in Deutschland nie gespielter, vorletzter Film erzählt die bitter-komischen Erfahrungen, die ein emigriertes Staatsoberhaupt eines fiktiven Landes in den USA macht. Der – bei seiner Premiere vor fast zwanzig Jahren von der Kritik stark unterschätzte Film zählt zu Chaplins kommerziellen Mißerfolgen. Doch demonstriert er nicht nur den ganzen brillanten Einfallsreichtum chaplinesker Komik, die Grausamkeit ebensowenig scheut wie Vulgarität, sondern er zeigt vor allem Chaplin auch als den vehement politischen Regisseur, der er Zeit seines Lebens war, und den viele vor all den Clownerien des sentimentalen "kleinen Tramps" nicht so recht bemerken.

Chaplin, der seine Wahlheimat USA 1952 verließ, nachdem er auf Grund seiner politischen Überzeugungen immer wieder angegriffen und verdächtigt, mehrmals vor den berüchtigten Kongreßausschuß "für unamerikanische Umtriebe" geladen worden war, formuliert auf seine Weise unmißverständlich, was er von Radikalenhysterie und Gesinnungsschnüffelei hält: In einer durch chaotische Heiterkeit befreienden Szene "pinkelt" er mittels eines Feuerwehrschlauches auf die Mitglieder der Untersuchungskommission und seinen eigenen, besorgten Anwalt.

Das Chaplin-Werk lief im Rahmen des "Internationalen Forums des Jungen Films", das von frühen Stummfilmen des Pioniers David W. Griffith über Chaplin und Pasolini bis zum Experimentalfilm und langen Dokumentarbeiträgen und Spielfilmen, vorrangig aus der Dritten Welt, reichte, zusätzlich Video- und Super-8-Produktionen umfaßte, sowie Informationsveranstaltungen mit neuen deutschen Filmen der Jahre 1975/76. Parallel zum "Forum" präsentiert sich dem Festivalbesucher in Berlin der offizielle Wettbewerb mit mehr als zwanzig Spielfilmen, Kurzfilmen und Filmen "außer Konkurrenz". Dazu eine Filmmesse mit zahllosen Sondervorführungen und die Retrospektive, die, dieses Jahr dreigeteilt, "Deutsche Spitzenfilme 1929–1932", eine Weiterführung der letztjährigen Conrad-Veidt-Retrospektive und elf Filme des amerikanischen Musical-Stars Eleanor Powell zeigte.

So versteht sich, daß selbst mit der Stoppuhr in der Hand und sportlichem Einsatz, berufsmäßige und/oder leidenschaftliche Kinogänger schnell das Gefühl erhalten, auf einer schiefen Ebene durch einen Supermarkt zu gleiten. Zumal in Berlin es Teile der Organisation anscheinend darauf anlegen, die Ebene noch etwas schiefer zu kippen, vielleicht in der Hoffnung, das internationale Format von Cannes zu erreichen, wo zuweilen vierhundert interessierte Journalisten vor verschlossenen Kinotüren standen.

Über Termine und Organisationsfragen muß man sich in Berlin noch einige Gedanken machen. Der Urheber der Filmfestspiele, Alfred Bauer, der in diesem Jahr zum 26. und letzten Male Wettbewerb und Retrospektive leitete, äußerte in einem Interview Überlegungen zu einer zeitlichen Verschiebung der Festspiele auf Frühjahr oder Herbst. Die brütende Hitze dieses Sommers spricht ebenso dafür wie der kurze Abstand zu Cannes.

Bauers besonderes Interesse hat immer der Retrospektive gegolten und dort dem amerikanischen Musical. Die ungewöhnlichen Beifallsstürme, die dieses Jahr die Vorführungen der Eleanor-Powell-Retrospektive begleiteten, werden ihn sicher gefreut haben^ Die heftige Publikumsbegeisterung brach mit schöner Regelmäßigkeit nach den Tänzen der "besten Stepp- und Rhythmustänzerin der Welt" aus: Die heute 64jährige Powell, in den dreißiger und zu Anfang der vierziger Jahre "der" weibliche Musical-Star neben Astaire-Partnerin Ginger Rogers, ist in der artistischen Perfektion und dem furiosen Temperament ihrer Tanznummern bis heute nicht überboten.

Perfekte, unproblematische Unterhaltung aus der Traumwerkstatt, wie sie bei der Powell geboten wurde, war im offiziellen Wettbewerb kaum vertreten. Nach welchen handwerklichen und gedanklichen Qualitätsmaßstäben man auch immer die Beiträge der verschiedenen Länder einzuordnen versucht – und unter der Flut der Eindrücke werden Festivalbesucher schnell unleidlich und ungerecht –, das Interesse der Regisseure an der sozialen und politischen Realität ihrer jeweiligen Heimatländer dominierte dieses Jahr. Ob in dem mexikanischen Film "Hetzjagd in Canoa" (Regie: Felipe Cazals), der einen brutalen Lynchmord rekonstruiert, im unterhaltsam-kritischen "Strandwächter im Winter" des Jugoslawen Goran Paskaljevic oder in "Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner" des Schweizers Kurt Gloor, der in seinem Erstlingsspielfilm eine qualitätvolle "Lina-Braake"-Variante lieferte: Engagement und Auseinandersetzung, Kritik und Analyse, könnte man voreilig meinen, seien im kommerziellen Kino aller Länder zur Selbstverständlichkeit geworden. Der modisch-seichte Beitrag "Ein göttliches Geschöpf" von Guiseppe Patroni Griffi mit Italiens neuem Sex-Exportschlager Laura Antonelli sowie viele oberflächlich-betuliche Kurzfilme verweisen dann doch schnell wieder darauf, daß auf Festivals weder notwendigerweise die typischen noch die besten Filme der Jahresproduktion eines Landes zu sehen sind, daß es hier um Prestige und Geschäft, Alibis und Auswahlkommissionen geht.