Erziehung in der DDR

Von Marlies Menge

Antiautoritäre Erziehung kennt die DDR nicht. Doch so, wie man sich das bei uns manchmal vorstellt – uniformierte Kinder, die ständig im Gleichschritt rote Fähnchen schwingen –, so ist es nun auch wieder nicht; Ich durfte einen Kindergarten der DDR besuchen. Der Bedarf an Kindergartenplätzen ist in der DDR zu 82 Prozent gedeckt, die Unterbringung eines Kindes im Kindergarten kostet die Eltern knapp 20 Mark im Monat. Weil ich den architektonisch neuesten Typ – dreistöckig statt wie bisher ein- bis zweistöckig – besichtigen sollte, schickte man mich in ein Ostberliner Neubaugebiet: kahle Zementblocks mit keinerlei Drumherum, Straßen noch ohne Namensschilder, und schließlich der Kindergarten. In der Eingangshalle stand ein riesiger Philodendron, Tisch und Stühle, ein Topf auf einem Tischchen mit der Liste: Was essen wir heute? Eine Tafel an der Wand zeigte Sehenswürdigkeiten aus Berlin, von Kindern gemalt.

„Ein vietnamesisches Kind ist das“

Ich werde zuerst in eine der älteren Gruppen geführt. 17 Kinder, die Neuzugänge dieses Jahres, sitzen völlig still und erwartungsvoll auf kleinen Stühlen im Halbkreis; vor ihnen die Kindergärtnerin, Frau Janes. „Jetzt sehen wir uns erst mal an, wen wir hier haben“, schlägt sie vor. 17 Augenpaare betrachten mich neugierig. Genauer werde ich nicht vorgestellt, der Augenschein muß genügen. „Wir feiern in ein paar Tagen ein besonders schönes Fest“, sagt Frau Janes. „Wißt ihr, was das für ein Fest ist?“ Die Kinder heben wie in der Schule die Zeigefinger in die Höhe. „Andreas?“ Andreas sagt, daß sie den Kindertag’ feiern werden. Frau Janes lobt ihn: „Und wer feiert noch?“ – „Die ganze Welt.“ Ich hätte sagen können, daß meine Kinder ihn nicht feiern, aber ich lasse es. „Warum sind alle Kinder so froh und glücklich?“ will Frau Janes wissen. Ein kleines Mädchen sagt feierlich: „Weil in fast allen Ländern Frieden ist.“ Ein Junge: „Weil alles schön geschmückt ist.“ Ein anderer: „Weil wir Kinderbowle trinken.“ Er lacht und kneift seinen Nachbarn. Die Kindergärtnerin, hier heißt sie Erzieherin, sagt freundlich, aber bestimmt: „Ich glaube, der Marco muß auch aufpassen.“ Marco lächelt verlegen, setzt sich gerade.

Die Kindergärtnerin unterhält sich mit der Gruppe über Kinder aus anderen Ländern. Um das Erinnern leichter zu machen, zeigt sie kleine papierne Anziehpüppchen. Ein polnisches, ein sowjetisches, ein afrikanisches Kind werden richtig genannt. „Ein chinesisches Kind“, sagt ein Mädchen zum vierten Püppchen. Die Kindergärtnerin verbessert schnell: „Das hast du wohl durcheinandergebracht: ein vietnamesisches Kind ist das!“ Ideologie im Kindergarten ... Das sowjetische Kind heißt Sascha. Altklug sagt ein kleines Mädchen: „Sascha kommt aus dem Land des roten Sterns.“ Janec heißt der Junge aus Polen. „Polen ist unser Nachbarland, Janec ist genauso unser Freund wie die sowjetischen Kinder“, erklärt die Kindergärtnerin mit Nachdruck. „Woran erkennt man, daß Sloa ein vietnamesisches Kind ist?“ Danielo, ein aufgeweckter Junge, dem es offensichtlich Mühe macht, lange stillzusitzen. „Die Augen gehen so nach oben, und die Haut im Gesicht ist gelb.“

Ich frage Frau Marzahn, die Leiterin des Kindergartens, was man tut, wenn ein Kind aus der Reihe tanzt. „Wir müssen erst mal die Ursache finden“, sagt sie. „Manchmal leben die Eltern in Scheidung, das wirkt sich immer auf die Kinder aus. Oder sie sehen zuviel fern, schlafen zuwenig, oder die Eltern kümmern sich zuwenig um das Kind.“ – Es gibt keine Disziplinierungsmaßnahmen. Vor dem Besuch im Kindergarten hatte ich mich mit zwei Erziehungsexperten unterhalten, wollte von ihnen wissen, welchen Stellenwert Disziplin in der Erziehung hat. Oberstudienrat Kreuzinger, Leiter der pädagogischen Auslandsinformation im Ostberliner Haus des Lehrers, warf mir vor, daß ich zu sehr am Wort „Disziplin“ klebte: „Es geht uns um die sozialistische Persönlichkeit, um die Liebe zur Arbeiterklasse, um Solidarität, um viel mehr.“ Und Herr Horneburg vom Ministerium für Volksbildung erklärte mir, daß zur bewußten Disziplin gehöre, daß die Kinder verstehen, warum sie etwas machen müssen: „Sie müssen wissen, daß es im Leben nicht nur Schönes und Interessantes gibt, daß auch das Uninteressante gelernt und getan werden muß.“