Tel Aviv, im Juli

Arno Hilf ist Israeli. Er saß in dem Airbus der Air France, Flugnummer 139, der kurz nach dem Zwischenaufenthalt in Athen von Anhängern der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ nach Entebbe entführt wurde. Hilf, ein 60jähriger Physiklehrer aus einem der Vororte östlich von Tel Aviv, der sich in Paris mit alten Freunden treffen wollte, berichtet:

„Es war am Sonntag, so kurz nach zehn. Wir waren gerade in Athen gestartet. Ich unterhielt mich mit meiner Nachbarin, Da war plötzlich dieses Geschrei, ein unmenschliches Schreien. Dann sah Ich einen Mann den Gang zwischen den Sitzreihen zum Heck hinrennen. Er schrie, während er lief, wie hysterisch. Was er schrie, war nicht zu verstehen. Eine Stewardeß zuckte mit den Schultern: Wahrscheinlich ein Verrückter.‘ Meine Nachbarin erwiderte: ‚Ein Irrer, vielleicht. Aber einer, mit einer Pistole in der Hand!’

Erst schrien einige Passagiere. Dann war es plötzlich mucksmäuschenstill. Da hatten wir alle begriffen, was geschehen war,

Das nächste, was wir hörten, war eine Stimme, diese unvergeßliche Stimme. Sie klang höflich, in gutem Englisch, mit deutschem Akzent: ‚Wir haben dieses Flugzeug in unserer Gewalt. Sie werden gebeten, weder aufzustehen noch Widerstand zu leisten. Sonst ist alles aus.‘ Genau das waren seine Worte: ,Sonst ist alles aus!‘

Die Stimme fuhr fort: Seine Gruppe, die deutsche Che-Guevara-Brigade, habe sich mit der „Volksfront und allen anderen Terrororganisationen zusammengeschlossen, um eine neue Weltordnung zu errichten. Sie alle wollten mit den Regierungen ein faires Geschäft machen. Statt dessen würden sie überall wie wilde Tiere gejagt ob in Frankreich, in Berlin oder sonstwo. Israel aber sei das schlimmste Land von allen. Dort säßen die meisten Kameraden hinter Gittern. Und die Franzosen sie seien Heuchler und keine wahren Araberfreunde, Mit ihrer Hilfe, ihren Waffen und ihrem Know-how, hätten die Israelis unzählige Araber getötet.

Die Stimme, das stellte sich später heraus, war der Anführer der Gruppe gewesen. Ein hübscher Junge, so Mitte zwanzig, blondes Haar, blaue Augen, wohlerzogen, aus gutem Elternhaus, wie es schien. Sein weiblicher Kompagnon war das genaue Gegenteil; Anfang dreißig, nicht hübsch, übernervös und nicht sehr intelligent. Sie hantierte fortwährend mit ihrer Waffe herum. Mal war sie grob und hart, mal zuvorkommend und mütterlich, oft innerhalb weniger Sekunden. Plötzlich schrie sie einen an, dann wieder küßte und beruhigte sie eine Frau, die über einen Krampf klagte Ein Araber unter den Terroristen verhielt sich genauso Mal richtete er seinen Revolver auf ein paar junge Leute, die einer Anweisung nicht schnell genug gefolgt waren, dann wieder küßte er, wie ein Kavalier alter Schule, einer Dame die Hand.“