Sölles Devise: Beten und kämpfen

Von Liselotte Funde

Man kann das neue Buch von Dorothee Sölle nicht aus der Hand legen, ohne von der Unabdingbarkeit der Aussage berührt zu sein – nicht ohne persönliche Betroffenheit:

Dorothee Sölle: "Die Hinreise. Zur religiösen Erfahrung. Texte und Überlegungen"; Kreuz Verlag, Stuttgart 1975; 190 S., 14,80 DM.

Die schonungslose Analyse über die Menschen unserer Zeit, die am Brot sterben, durchzieht das Buch, wobei Brot für Genuß, Konsum, Oberflächlichkeit, Funktionalität, Beziehungslosigkeit, Mangel an Emotionalität steht. Aus dem Gespräch der Menschen ist das Irrationale verdrängt, alles ist Konvention, Beteiligungslosigkeit, Maskenhaftigkeit – "es gibt nur noch die Sprache des Alltags oder die der Wissenschaft, nicht mehr die Seele, der Religion, der Poesie".

Das Leben des Alltagsmenschen verkürzt sich auf das vorgezeichnete Funktionieren am Arbeitsplatz und den ichbezogenen und damit beziehungslosen Freizeitkonsum. Es fehlt unserer modernen Industriewelt die Religion als mitteilbare Erfahrung, als Motivation, "anders zu leben", als Fähigkeit, das Ganze des Seins zu erfassen, den Sinn des Lebens zu deuten. "Wir haben Angst vor Religion, Angst vor der schwer kontrollierbaren Gemeinsamkeit... und Angst vor den Emotionen, die zu artikulieren sie hilft" (Bonhoeffer).

In der Mitte eines Tunnels