ARD, Donnerstag, 8. Juli: Zum Tode Gustav Heinemanns

Die Nachrufe waren nüchtern und würdig: Kein falscher Ton in der Totenrede, die der Bundespräsident seinem Vorgänger hielt, kein leeres Pathos im Gedächtniswort Willy Brandts: Gustav Heinemann, so der Tenor der Brandtschen Erklärung, hat gezeigt, daß im Zeichen eines Bekenntnisses zu den Mühseligen und Beladenen Sozialismus und Christentum einander nicht fern sind. Die Diktion eines ruhigen und friedfertigen Mannes prägte den Stil der Laudationes zwischen Tod und Begräbnis.

Dann aber kam die Dokumentation: ein zusammengeflickter Film, der einen frühstückenden, skatspielenden, Enkelkinder schaukelnden, Hände schüttelnden Heinemann zeigte. Ein Film, in dem das Wort nicht zum Bild paßte: würdige Rede, läppische Photos. Ein Film, der, weil man das Material gerade hatte, mit einem irgendwo beginnenden und irgendwo endenden Kreuzfeuerinterview schloß: Gustav Heinemann gedächte, an der Nord- oder Ostsee einige Wochen am Strand zu verbringen, nach seiner Amtszeit, weiteres werde man sehen. Schwarzblende, Schlußtitel, aus und vorbei – ein makabres Finale, fürwahr!

Nein, das wäre nicht nötig gewesen: In vierundzwanzig Stunden sollte sich eine bessere Dokumentation herstellen lassen. Nicht immer nur das Gängige, die vertrauten Stationen, die stereotyp wiederholten Sprüche („unbequem“, „moralische Integrität“), die bekannten Stories und das Menschlich-Allzumenschliche. Statt dessen wäre ein Mensch in seinem Widerspruch zu zeigen gewesen: der linke Christ, der sich nicht scheute, bei Gelegenheit auch einmal auf Seiten der Rechten zu sitzen. (In der Frage des Paragraphen 218 zum Beispiel.) Der Freund der Rebellen und Anwalt der Aufmüpfigen, von Müntzer bis Hecker, dem es beschieden war, an der Seite ordensgeschmückter Generäle Ehrenformationen abschreiten zu müssen. Der Neutralist ohne Erben. Der Unbotmäßige, dessen Position folgenlos blieb.

Woher kam er? Wie sah die Tradition aus, zu der er sich zeitlebens bekannte: er, der alte „Achtundvierziger“ und Citoyen, ein evangelischer Christ, dem nichts so sehr verhaßt war wie die Verbindung von Thron und Altar? Was ging da um in seiner Heimat, in der seit altersher pietistische Eiferer und reformatorische Unruhestifter am Werk sind, daß es zu dieser höchst ungewöhnlichen Verbindung von Bibelchristentum und (sehr nüchternem) politischem Rebellentum kam – den Standort eines Protestanten bezeichnend, der es, genau wie Karl Barth, für eines Christenmenschen Pflicht hielt, im Zeichen des drohenden Faschismus sozialdemokratisch zu wählen? Eines Protestanten, der nach 1945 seinen Platz in einer CDU fand, die ihre Wahlaufrufe mit dem emphatischen Bekenntnis versah: „Eine neue Zeit bricht an, sie trägt sozialistisches Gepräge.“

Von alledem wäre zu sprechen gewesen, an diesem Abend: von einem reformatorisch gesinnten Citoyen, der, als „unbequem“ etikettiert (was so viel wie „folgenlos“ heißt), am Ende seines Lebens, unter politischen Aspekten, allein war. Die Gesinnungsgenossen, Gollwitzer, Scharf, auch Heinrich Böll: von der neuen Rechten an den Pranger gestellt. Die Friedfertigen – ausgerechnet sie! – zu Helfershelfern von Terroristen ernannt. Die alten Weggefährten aus der Zeit der GVP, Erhard Eppler voran: als Schwarmgeister und Träumer verhöhnt.

So betrachtet wäre es nützlich gewesen, am Abend des 8. Juli daran zu erinnern, daß Parolen, die heute umgehen, „mehr Staat“ oder „Freiheit statt Sozialismus“, im Angesicht des toten Gustav Heinemann den Charakter von Steinwürfen haben... von Steinwürfen, die allem gelten, was er jemals gelehrt und gelebt hat: ein friedlicher, behutsamer und mutiger Mann, der eben deshalb nicht anders als radikal denken konnte – im Blick auf jenen, der für ihn und seine Freunde, Liebe statt Haß predigend, der Radikalste war.

Durch Bilder im Familienphoto-Stil ist die Geschichte Gustav Heinemanns nicht zuerzählen. Da muß man schon ein wenig weiter ausholen, nach der Tradition fragen, für die er stand, nach seiner politischen Funktion und nach der Konsequenz seines Wirkens. Da muß man zeigen, warum der gleiche Mann, der 1947 in eine CDU paßte, die „dem Kapitalismus keine Träne nachweinen“ wollte, anno 1976, im Augenblick seines Todes, als Linker in der SPD erscheint. Er, so viel steht fest, hat sich niemals gewandelt, sondern blieb sich neu.

Die Parteien aber – was ist mit denen? Täten sie am Ende gut daran, im Angesicht des toten Präsidenten Rückschau zu halten und auf ihre besseren (aber verleugneten) Traditionen: auf jenes republikanische Erbe zu blicken, das zu vergegenwärtigen Gustav Heinemann für seine wichtigste Aufgabe hielt?

Fragen am Grab: Fragen, die im Fernseh-Naehruf hätten artikuliert werden müssen.

Momos