Von Dietrich Strothmann

Noch immer will er es mit allen und jedem aufnehmen: Die Bundesregierung will er per Gerichtsbeschluß, und sei es durch ein Karlsruher Urteil, zur Einklage jener 12,5 Millionen Mark (zimperlich ist er nie gewesen) zwingen, die ihm Sudans Regierung schulde. Khartums Staatspräsidenten Numeiri will er den Prozeß machen ("Mit allen juristischen Mitteln werde ich den brutalen Rechtsbruch des Sudans bekämpfen"). Und, nebenbei, will er sich noch einen Wasserstoffmotor, an dem er arbeitet, patentieren lassen.

Der weitgereiste, in Kriegen umhergetriebene, im sudanesischen Gefängnis geschundene Rolf Steiner tut noch immer so, als sei er ein Tausendsassa: Er kann alles, er weiß fast alles, er schafft, meint er, nahezu alles. Zwölf Jahre Fremdenlegion, danach ein paar Jahre "Soldat" in Biafra und im Südsudan, insgesamt 20 Jahre in der Fremde – dieser Steiner aus München, Jahrgang 1933, der kein Herz aus Stein haben will, stellt sich wie einer zur Schau, dem kein Schicksal, sein eigenes inklusive, etwas anhaben kann, angeblich. Ist er also immer noch der unverwüstliche Haudegen, der unerschrockene Hans-Dampf-in-allen-Gassen, das Glückskind, der Glücksritter?

Ich hatte mir den 43jährigen, als ich ihn in einem abgelegenen, winzigen Dorf, 20 Kilometer westlich Münsters aufgespürt hatte, ganz anders vorgestellt: Glatzköpfig, wie nach den Photos vom Prozeß in Khartum, abgestumpft, müde, sogar gleichgültig gegenüber seinem Los, das ihn nun doch, gegen seinen oft so laut bekundeten Willen, getroffen hat – ein Zivilist sein zu müssen. Im afrikanischen Busch, in Tarnuniform, mit grünem Barett und der Luger im Halfter, hatte er sich ihn so vorgestellt: mit Filzpantoffeln, einer Bierflasche und dem Fernsehapparat.

Der brave Bürger Rolf Steiner war es, der mir da, in einer normal-hübschen Wohnung, Getreide und Kühe vor dem Zweifamilienhaus, gegenübertrat. Der "Brandstifter" als Biedermann. Seine junge Frau saß die ganze Zeit über stumm dabei oder versorgte den fünf Monate alten Oliver, den Steiner, sobald er quängelte, liebevoll in den Arm nahm, an sich drückte und streichelte. Oder er fragte, besorgt, die Mutter: "Was hat er denn nur?"

Erst dachte ich also, überrascht über den Anblick, den dieser andere Rolf Steiner mir bot: Das muß sein Bruder sein. Dieser als verschlagen bekannte, als Draufgänger berüchtigte, dieser wetterwendisch-undurchsichtige Kämpe im Sold erst der Franzosen, dann der Ibos, zuletzt der Anyanya-Rebellen, im Dienste womöglich auch mancherlei Geheimdienste so mancher Länder – dieser Steiner, wohlgenährt, mit lockigem Haar, baut mir, dachte ich im ersten Augenblick, einen Türken. Ein Double, ein Stuntman. Der richtige Rolf Steiner ist vielleicht längst wieder, wie 1967, als er seine erste Frau Odette, eine Erzieherin, spornstreichs verließ, über alle Berge in irgendeinem Busch.

Ich begann ihn zögernd zu fragen: Wo er wohl wäre, wäre er nicht hier – in Angola vielleicht oder dort halt, wo Rebellen Recken seines Schlages brauchten? Viele Angebote hätte er, gefragt werde er oft. Ihm gehe es aber um seinen Prozeß. Und dann benutzte er zum erstenmal jene Redensart, die im Laufe der drei Stunden immer wieder auftauchte: "Man muß die Geschichte so sehen ..."