Von Karl-Heinz Janßen

Niemals war er verwundet worden. In vielen Schlachten des Zweiten Weltkrieges kämpfte er in vorderster Front, doch ihn verschmähte der Tod. Nach dem Krieg verurteilten ihn die Amerikaner zum Tode durch den Strang. Fünfundfünfzig Monate wartete er Tag für Tag in der Landsberger Zelle auf den Henker; viele "Rotjacken" wurden an seiner Zellentür vorbei zum Richtplatz geführt, doch ihn verschmähte der Tod. Seinen Lebensabend gedachte er mit seiner Frau wie Philemon und Baucis am verträumten Ufer der Saône zu verbringen. Dort hat ihn die Vergangenheit doch noch eingeholt – und der Tod.

Joachim Peiper, gutaussehender, intelligenter Offizierssohn, SS-Fahnenjunker, mit 23 Jahren zeitweilig Ordonnanz bei Heinrich Himmler, im Krieg einer der höchstdekorierten Frontoffiziere – er war einmal so etwas wie ein nationales Symbol, damals in den fünfziger Jahren, als in der Bundesrepublik mit einer heute kaum noch vorstellbaren Leidenschaft um die Wiederaufrüstung gerungen wurde. Trotz der "Ohne-mich"-Stimmung fanden sich manche ehemaligen Soldaten bereit, noch einmal eine Waffe in die Hand zu nehmen – aber sie hatten Skrupel, solange noch deutsche Kriegsverurteilte in alliierten Gefängnissen saßen. Als Anfang 1951 die amerikanische Besatzungsmacht das Todesurteil gegen den früheren SS-Standartenführer und Oberst der Waffen-SS Joachim Peiper in lebenslängliche Haft umwandelte, war dies ein untrügliches Zeichen für die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, ihr Verhältnis zu den Besiegten auf eine neue Basis zu stellen.

Ein Militärgericht hatte den einstigen Kommandeur eines Panzerregiments der 1. Panzerdivision "Leibstandarte Adolf Hitler" und 42 seiner Kameraden 1946 in dem sogenannten Malmedy-Prozeß wegen der Ermordung von 71 amerikanischen Gefangenen zum Tode verurteilt. Peiper sollte bei der Ardennen-Offensive im Dezember 1944 mit seinen Panzern zur Maas durchstoßen. Nach seiner Version überraschte er an einer Straßenkreuzung eine Lastwagenkolonne – wie sich herausstellte, eine feindliche Beobachtungsabteilung. Die Amerikaner ergaben sich, und Peiper, der sich nicht aufhalten lassen wollte, schickte die Gefangenen nach hinten. Er will die nachfolgende Abteilung durch Funkspruch verständigt haben, doch diese eröffnete nichtsahnend das Feuer auf die Amerikaner. Was an jenem neblig-kalten Wintertag wirklich passiert ist, wird sich wohl nie mehr aufklären lassen – nur, nach vorsätzlichem Mord an wehrlosen Gefangenen sah dieser Crossroad-Zwischenfall nicht aus.

Zwanzig Jahre später bescheinigte der einstige Hauptankläger der US-Army, Ellis, dem Obersten Peiper schriftlich, er halte ihn für einen "fine gentleman" Inzwischen hatte sich auch in Amerika herumgesprochen, daß es beim Malmedy-Prozeß, der in einer Atmosphäre von Haß, Rachsucht und Vergeltung stattfand, nicht ganz nach Recht und Gesetz zugegangen war. Den 74 angeklagten SS-Soldaten waren in der Voruntersuchung durch physische und psychische Folter Geständnisse abgepreßt worden. Peiper wurde einmal für vierundzwanzig Stunden in eine auf achtzig Grad erhitzte Wärmezelle gesperrt – er zerschlug Heizung und Fenster, um zu überleben. Schon bald nach 1946 regte sich Widerstand gegen das Malmedy-Urteil. Westdeutsche Kirchenfürsten setzten sich für die Verurteilten ein, der amerikanische Senat entsandte einen Untersuchungsausschuß. Alle Urteile mußten revidiert werden.

Für Peiper öffneten sich die Gefängnistore erst 1956. Der haftentlassene Landsknecht mußte sich eine bürgerliche Existenz aufbauen, um Frau und drei Kinder durchzubringen. Er hat schnell gelernt, im Wirtschaftswunderland Fuß zu fassen. Doch heimisch geworden ist er darin nicht. Er konnte nicht einfach die Vergangenheit abschütteln. Als er bei der Autofirma Porsche Prokura erhalten sollte, machte der Betriebsrat gegen ihn Front, so daß man ihm den Laufpaß geben mußte. Dann verdiente er sein Geld als Werbetrainer bei Großhändlern und Großfirmen; zuletzt war er Personalchef eines Motorbuchverlages, für den er – nach seinem Auszug ins Nachbarland – als freier Übersetzer tätig blieb.

1967 sollte ihm erneut der Prozeß gemacht werden. Ihm wurde vorgeworfen, er habe in Italien ein Dorf niederbrennen lassen und das Leben zahlreicher Dorfbewohner auf dem Gewissen. Das Verfahren wurde jedoch nach der Voruntersuchung eingestellt – offensichtlich hatte es sich bei dem Vorfall um ein Gefecht, nicht um ein juristisch faßbares Kriegsverbrechen gehandelt. Zu jener Zeit suchte Peiper schon Vergessenheit dort, wo man wie Gott in Frankreich leben kann. Seit 1940 schätzte er französische Küche und Lebensart; er liebte die Menschen des Nachbarlandes und kam denn auch gut mit ihnen aus. Er sah keinen Grund, sich zu verstecken, verhehlte nicht seine Vergangenheit – schließlich hatte er zwölf Jahre gebüßt.

Aber aus dem erhofften ruhigen Lebensabend wurde nichts. In diesem Sommer ließen die Kommunisten ihre Kettenhunde los. Erst wollte er ausharren, doch dann schrieb er seinem Freund, hoffentlich lasse man ihn noch bis September zufrieden. Bis dahin wollte er seinen französischen Hausstand aufgelöst haben und nach Stuttgart zurückkehren. In seinem Leben ist er immer wieder enttäuscht worden. Traves war seine letzte Enttäuschung – und sie war tödlich.