Am 28. Februar 1972 sucht er um eine Aufenthaltsgenehmigung nach. Als Beruf gibt er an: freier ständiger Mitarbeiter eines Verlages. Der Bürgermeister des Ortes, der Einzelhändler und Bistrowirt Ernest Rigoulot, hat keine Einwände und macht für den Präfekten folgende Notiz: „Besitzt seit acht Jahren ein Haus, möchte in Pension gehen und sich in unserem Dorf niederlassen.“ Peiper kann sich in Ruhe militärhistorischen Übersetzungen widmen, seine Genehmigung läuft bis 1977.

Irgendwann im vergangenen Jahr setzt sich Peiper an das Steuer seines BMW und fährt ins 20 Kilometer entfernte Vesoul, um ein paar Rollen Draht zu kaufen. Als der Verkäufer Paul Cacheux die Ware bei Peiper abliefert, stutzt er. Dieser Mann mit seinem deutschen Akzent, seiner germanischen Erscheinung, seinem militärischen Auftreten – wenn das kein alter Nazi ist. Cacheux kennt diese Spezies, schließlich war er während des Krieges deportiert. Als Mitglied der Kommunistischen Partei hat er in seinem Bücherschrank das in Ostberlin zusammengestellte „Braunbuch“ über nazistische Kriegsverbrecher. Auf Seite 103 findet er die Vergangenheit des SS-Mannes Joachim Peiper, der in Traves ein neues Leben anfangen wollte.

Cacheux alarmiert seine Parteizelle. Die KP schickt Spezialisten nach Ostberlin, die weiteres Material sammeln. Am 21. Juni, vor einem Monat, geht die trügerische Ruhe zu Ende. Im Dorf verteilen Kommunisten ein Flugblatt mit der dicken Überschrift: „Ein gefährlicher SS-Verbrecher, Joachim Peiper, ist unter euch ...“. Am Tag darauf widmet L’Humanité, das Pariser Parteiblatt der KP, dem Pensionär mit der kompromittierenden Vergangenheit eine ganze Seite. „Wer schützt die Kriegsverbrecher?“ fragt die rote Gazette. Die Parteimitglieder ziehen vor die Präfektur von Vesoul und fordern Peipers sofortige Ausweisung. Im Dorf ist man geteilter Meinung. „Jetzt reicht es uns“, entrüstet sich der Bürgermeister, „Peiper ist bekannt. Wenn wir wollten, daß er verschwindet, dann würden wir es ihm selber sagen. Befehle brauchen wir von niemandem entgegenzunehmen.“ Ein alter Widerstandskämpfer schlägt schroffere Töne an: „In einer Zeit, wo man von Umweltverschmutzung spricht, kann man doch nicht zulassen, daß dieser Typ noch lange die Luft der Haute-Saone verschmutzt, die saubere Luft Frankreichs.“ Doch Peiper rührt sich nicht: „Ich werde in Traves bleiben und die Region nicht verlassen. Vier Jahre lang bin ich hier glücklich gewesen, das ist gar nicht wenig.“

Aber der Schwerter-Träger ist nicht mehr ganz so gelassen: „Tagsüber geht alles gut, doch nachts habe ich Angst.“ Er hat eine Reihe anonymer Anrufe bekommen. Der letzte, so berichtet er seinem deutschen Nachbarn Helmut Ketelhut, war besonders deutlich: „In der Nacht zum 14. Juli wird dein Haus brennen ...“ Peiper schickt seine Frau nach Basel, will aber die Hilfe seines Nachbarn nicht in Anspruch nehmen. Die Aggressoren machen ihre Drohung wahr und tauchen unerkannt wieder unter. Eine „Aktion Widerstand Deportation“ beansprucht am nächsten Tag die Urheberschaft für Mord und Brandstiftung. Doch niemand weiß zur Stunde, wer die Täter wirklich waren.

Am Tresen des Cafés Chez Néné in der Dorfmitte von Traves kreisen die Diskussionen natürlich um Peiper. Wohl ist offensichtlich keinem bei dem Gedanken, daß sich irgend jemand gerächt haben könnte. „Das ist doch alles lange her“, heißt es. „Peiper hatte kein Parteibuch, und schließlich war Krieg.“ Ein Rentner gibt zu bedenken: „Glauben Sie, daß wir in Algerien immer nur Gutes angerichtet haben?“ Die Spekulationen schießen wild ins Kraut. Wenn Peiper ein Spion war? Wenn ihn die Amerikaner frühzeitig gegen die Verpflichtung entlassen haben, Informationen über andere SS-Leute zu liefern? Ein Zeitungsmann weiß zu berichten, Peiper habe jeden Abend mit einem Hauptquartier ehemaliger SS-Größen in Hannover telephoniert.

Bürgermeister Rigoulot hat sich inzwischen auf die Seite der Peiper-Gegner geschlagen: „Um zu verstehen, was passiert ist, muß man sich in die Lage derer versetzen, die gelitten haben. Weder ich noch die Bevölkerung werden nach diesem Vorfall in Tränen ausbrechen.“ Die Worte Widerstand und Deportation tauchen immer wieder auf. Acht Leute aus Traves sind in Deportationslagern umgekommen, viele waren im Widerstand. Gegen die Deutschen an sich hat man nichts. Peipers Nachbar Ketelhut ist wohlgelitten, seine Holzschnitte hängen im Dorfgasthaus. Aber warum mußte gerade ein SS-Mann hierherkommen?

Attacke gegen Giscard