Die These vom völkerverbindenden Sport hat nur noch wenig Beweiskraft

Von Jürgen Werner

Natürlich hat die olympische Bewegung nicht die Absicht, alle Probleme zu lösen, die die Menschheit zu teilen drohen. Im Gegensatz zu den Spielen der Antike werden die Spiele der Neuzeit nicht durch eine heilige Wahrheit gekennzeichnet. Aber mit ihrer Hilfe hoffen wir, jungen Menschen in der ganzen Welt die Chance zu geben, sich kennenzulernen und besser zu verstehen“ – Roger Rousseau, der Präsident des kanadischen Organisationskomitees (Cojo) für die XXI. Olympischen Spiele sagte dies unter anderem in seiner Ansprache während der Eröffnungsfeier, die nicht nur mich im Vergleich zu München 1972 fast unberührt ließ. Die Musik dröhnte hämmernd und monoton fast wie in einer Diskothek, vom genius loci keine Spur.

Die gymnastischen Darbietungen der 1164 Mädchen und Jungen mit Fahnen und Tüchern und der dazugehörigen Musik wirkten allerdings in ihrer präzisen Durchführung und harmonischen Darbietung wie ein Symbol – trotz aller vorolympischen Kassandrarufe und politischer Querelen – für das Motto dieser Spiele, das Bürgermeister Jean Drapeau ihnen gab: friendship, faith, fidelity.

Allerdings wird faith und friendship getreu dem leninschen Motto, daß Vertrauen gut, Kontrolle besser sei, gehandhabt – ins olympische Dorf zu den Athleten gelangte ich erst, nachdem ich meinen Ausweis zwölfmal präsentiert hatte.

Dort traf ich „The Flower of its Youth“, wie Rousseau sie bezeichnet hatte, um zu fragen, was bewegt sie wirklich an den ersten Tagen dieser Spiele, nachdem die erste Goldmedaille von einem Pistolenschützen aus der DDR errungen worden war, die ersten Schwimmweltrekorde aus dem Olympia-Pool gemeldet wurden und sie selbst vor ihrem eigenen Start stehen. Stimmen eigentlich die oben angeführten Aussagen Rousseaus? Identifizieren sich die Athleten mit ihnen, oder sind diese Sätze nur Fiktion eines Funktionärs – bei etwa 8000 Athleten sind es immerhin etwa 3000, die mit angereist sind – ohne eigentlichen Inhalt und Wert? Diese Frage stellt sich angesichts einer Summe von 3,4 Milliarden Mark Kosten für diese Spiele und eines Defizits von etwa einer Milliarde, von dem bisher niemand in Montreal weiß, wer es ausgleichen könnte. Sind es also im Grunde manipulierte Athleten, denen von Funktionären eingeredet wird, sie kämpften um nationales Prestige? Oder sind es naive Sportler, die Worten von Politikern wie dem kanadischen Premierminister Pierre Trudeau Glauben schenken, der Pindar zitierte: „La gloire est la recompense des vaillants.“

Für Michael Krause, der in München 1972 im Endspiel des Hockeyturniers gegen Pakistan das einzige Tor, das die Goldmedaille bedeutete, erzielte, bedeutet Ruhm nicht viel, „weil er sowieso nicht lange vorhält“. – „Dreieinhalb Jahre kannte mich doch keiner mehr. Aber das Erlebnis, sich in dieser Mannschaft mit den besten der Welt zu vergleichen, schafft eine Atmosphäre, als ob ich doch für mehr als nur für mich kämpfe. Ich denke nicht an völkerverbindenden Sport. Meine Bindung besteht an die Mannschaft.“ Ein Motiv, das mir übrigens – stärker als in München – immer wieder begegnete.

„Besser ohne Politik“

Gunnar Jervill, der 30jährige schwedische Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von 1972 im Bogenschießen formulierte es ähnlich: „Es gibt in Schweden nur etwa 5000 Sportler in dieser Disziplin. Wir sind also nur eine kleine Gruppe, hier in Montreal nur vier Teilnehmer. Mit ihnen fühle ich mich wohl. Im Wettkampf denke ich nicht an die Nation, nicht an Politik, sondern konzentriere mich auf meine Schüsse, 288 insgesamt an vier Tagen.“ Rolf Svensson, sein Mannschaftskamerad, Europameister in dieser Disziplin, ergänzt diese Aussage kurz und bündig: „Sport ist eine Sache, Politik eine ganz andere.“

Jesus Garcia, Basketballspieler aus Mexiko, blickt mich erstaunt von oben herab – er ist über zwei Meter groß – an und sagt: „Wir wollen keine politische Diskussion. Das schließt aber nicht aus, daß ich mich mit anderen Sportlern unterhalte, auch meinetwegen über Politik, aber erst einmal wollen wir gegen die Russen und Kubaner gewinnen. Denn wissen Sie, was wir wirklich wollen, ist Basketball spielen und eine Medaille.“ Samuel Carpis, sein Mannschaftskollege, meint zustimmend: „You cannot mix.“

Peter Farmer, ein australischer Hammerwerfer, betont ebenfalls, die Wichtigkeit des Wettkampfes, „denn da versteh’ ich mich am besten mit den anderen“, aber er kritisiert, daß die Schwierigkeiten durch die Funktionäre und Politiker künstlich herbeigeführt werden. „Ohne sie kämen wir hier alle besser miteinander aus.“ Darum ergibt sich also die Frage, wie weit die Funktionäre und Politiker, die Macher des Sports also, möglicherweise die Spiele zu ihren Zwecken mißbrauchen.

Peter-Michael Kolbe, der Ruderer im Einer, dessen Chance auf eine Goldmedaille nach seinem gegen die Mitfavoriten Drea aus Irland und Dreifke aus der DDR gewonnenen Vorlauf bestätigt wurde, glaubt wieder an die von ihm so oft und heftig kritisierten Funktionäre. Willi Daume persönlich ermöglichte es ihm, in ein Hotel umzuziehen, um sich in Ruhe auf seine Wettkämpfe vorzubereiten. „Ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch.“

Walter Kusch, Medaillenanwärter im 100-m- und 200-m-Brustschwimmen und einer der wirklich kritischen Sprecher der Aktiven, formulierte dann auch sehr deutlich seinen Anspruch: „Was wären denn die Olympischen Spiele ohne uns Athleten. Die Funktionäre sind für uns da und nicht umgekehrt. Das müssen wir vielleicht stärker als bisher deutlich machen.“ Eine Perspektive, über die nachzudenken sich lohnen würde.

Doch zeigen auch schon die ersten Tage, wie sehr Medaillenspiegel und Nationalwertung wieder im Vordergrund stehen werden. Doch scheinen sie mir mehr künstliche Produkte der Medien zu sein als einem Urbedürfnis der Athleten zu entspringen. „Laufen macht mir einfach. Spaß und Gewinnen auch“, sagt Rita Wilden, die 400-m-Läuferin, „aber die wievielte Medaille für Deutschland, das interessiert mich überhaupt nicht.“

Hans-Joachim Deckarm, der Handballer mit Medaillenhoffnungen, ist zwar auch eher skeptisch, gibt aber zu, daß „ich auch für mein Land kämpfe. Aber eigentlich motiviert bin ich durch die Mannschaft und den Trainer“.

„Kämpfen im Kollektiv

Wird es also ein Olympia einer nüchternen, neuen Generation? Die Beschränkung auf die sportliche Begegnung, den Wettkampf mit dem Gegner ohne Sentiments, aber auch ohne Ressentiments, scheint mir eines der Charakteristika dieser Spiele zu sein. So wie sich Montreal selbst darstellt: korrekt, präzise, nüchtern, so wirkt auch die Atmosphäre im olympischen Dorf eher unterkühlt, nüchtern, sportlich. Natürlich reden die Sportler miteinander, Russen mit Mexikanern, Pakistaner mit Deutschen, Schwarze mit Weißen, aber eben über Wettkämpfe, Rekorde und Medaillen.

Auch das nennt man Kommunikation, die emotionale Annäherung erlaubt und im weitesten Sinne der Idee des Friedens dienen mag. Waren die Spiele in München geprägt von euphorischer Heiterkeit, sind diese in Montreal zunächst mehr business-like. „They do their job well“ – Louis Chantigny, der Pressechef in Montreal, fand wohl damit den richtigen Ausdruck.

Vladimir Kovalev, Handballer aus der UdSSR, allerdings glaubt an die Bedeutung des Sports in sozialistischen Staaten als Bestätigung des Systems. „Wir kämpfen im Kollektiv.“

Die Schwedin Lene Sjoholm, 29jährige Bogenschützin und nach eigener Aussage ohne wirkliche Medaillenchancen, nimmt zum erstenmal teil und nennt als einzige ein altes olympisches Motiv: „Ich freue mich so, dabeisein zu dürfen.“