Von Nina Grunenberg

Am 30. Mai 1967 legte der Ordenskanzler, den Ministerialrat Dr. Gussone (Bundesministerium des Innern) begleitete, im Charlottenburger Mausoleum, in dem das Herz König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zu Füßen seiner Eltern beigesetzt ist, zu Ehren des Ordensstifters einen Kranz mit blauer Schleife und eingedrucktem Ordenszeichen nieder (da der König in Potsdam begraben wurde, mußte dieser Ausweg gewählt werden; für die Vorbereitung gebührt Dank Frau Dr. Kühn, Chef der Verwaltung der ehemaligen Schlösser).

Der Ordenskanzler, wiederum begleitet von Ministerialrat Dr. Gussone, legte einen zweiten Kranz nieder auf dem Grab des ersten Kanzlers Alexander von Humboldt, im Schloßpark von Tegel.

Am Abend folgten die in- und ausländischen Mitglieder mit ihren Damen, die Rektoren der Universitäten und Akademiepräsidenten sowie weitere Gäste einer Einladung des Bundesministers des Innern Paul Lücke, der in seiner Begrüßung seine Verbundenheit mit dem Orden zum Ausdruck brachte. In seiner Antwort dankte der Ordenskanzler dem Minister und seinem Haus für die dem Orden bei der Erledigung seiner Geschäfte stets bewiesene Unterstützung

(Aus dem Protokoll über die Gedenkfeier des Ordens pour le mérite für Wissenschaft und Künste zum 125. Jahrestag seiner Gründung.)

Jedes Jahr am Geburtstag Friedrich des Großen treffen sich die Ordensmitglieder zu einer öffentlichen Kapitelsitzung. Sie findet in Bonn statt und ist in den Terminkalendern der Zeitungsredaktionen und Agentur-Photographen verzeichnet. Da der Orden keine Pressemitteilungen herausgibt und auch keinen Pressesprecher beschäftigt, der mundgerecht serviert, um was es sich handelt, verwechseln die Journalisten den Orden oft mit dem Kriegs-Pour-le-mérite und denken an Göring, Richthofen und Ludendorff statt an Max Planck, Otto Hahn oder Käthe Kollwitz.

Verglichen mit dem kriegerischen Lorbeer, dessen Mythos heute noch fortlebt, obgleich der Orden nach dem Ersten Weltkrieg abgeschafft wurde, führt die Friedensklasse des Pour le mérite, mit dem bis zum heutigen Tag große Geister ausgezeichnet werden, fast ein Schattendasein unter dem Publikum. Als die Ordensmitglieder im Herbst letzten Jahres zu einer internen Sitzung in Lübeck zusammenkamen, um des 100. Geburtstages ihres ehemaligen Mitglieds Thomas Mann zu gedenken, wurde eine Pressekonferenz angesetzt. Diese "publizistische Verpflichtung" glaubten die Mitglieder ihrem Orden als Institution schuldig zu sein. Zur anberaumten Stunde erschien ein einziger lokaler Zeitungsmann – offenbar ohne Ahnung, was ihn erwartete. In welche Verwirrung müssen ihn die Spektabilitäten gestürzt haben, als sie vor ihn traten.

Nicht, daß die Ritter zu Pferde steigen würden – spektakuläre Auftritte sind nicht ihr Stil. Dafür zeichnet sie jene menschenfreundliche Heiterkeit aus, die Heinrich von Treitschke noch als eigentümlich für den gebildeten Deutschen ansah. Sich auf die innerlichen Manieren der Ordensritter zu verlassen, um sich zu ihnen wie gleich zu gleich zu gesellen, hieße dennoch, sich in der Klasse zu vergreifen. "Da weiß man wieder, was Abstand ist", sagte Hermann Höcherl einmal andächtig im Rückblick auf seine Jahre als Bundesinnenminister, als er die Ehre hatte, die Ordensmitglieder nach der öffentlichen Kapitelsitzung zum Abendessen einzuladen. Die Tischgespräche von damals genießt er heute noch: Höcherl war ein Mann, der einen großen Geist zu verehren wußte, wenn er einem begegnete.

Der schlichte Anstrich, den sich der Orden nach außen gibt, steht im umgekehrten. Verhältnis zur Farbigkeit der Persönlichkeiten, die in ihm versammelt sind. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der den Orden 1842 zum Geburtstag seines großen Vorgängers stiftete, um "den unsterblichen Namen Friedrich des Zweiten würdig zu ehren", legte ihre Zahl auf dreißig fest und verfügte später auch, daß sich der Orden proportional aus zehn Geisteswissenschaftlern, zehn Naturwissenschaftlern und zehn Künstlern zusammensetzen soll. So ist es bis heute geblieben – ein historisches und soziologisches Phänomen in der modernen Massengesellschaft der Bundesrepublik, ein "Areopag des Geistes" (Theodor Heuss) preußischer Provenienz: elitär, aristokratisch, traditionsreich.

Manche der Mitgleider sind schon zarte Greise – vor Antritt des siebten Lebensjahrzehnts besteht kaum Aussicht, als Ordensritter in Betracht gezogen zu werden. Die Ausnahme bestätigt die Regel: Manfred Eigen, der Nobelpreisträger für Chemie, ist mit 48 Jahren der jüngste Träger des Pour le mérite: seine wissenschaftliche Erkenntnisfähigkeit bei Problemen der Entstehung und Evolution biologischen Lebens ist den Ordensmitgliedern entsprechend unheimlich. Mit 81 Jahren das älteste aktive Mitglied ist der Münchner Walter Gerlach, dessen heller und klarer Geist im Kapitel noch heute ungebrochen funkelt.

Ich denke auch an Feodor Lynen, 65, den Chemiker, der 1964 den Nobelpreis für Medizin für Untersuchungen über Mechanismus und Regulation des Cholesterin- und Fettsäureumsatzes erhielt. Er sieht aus wie ein Gastwirt aus Bayerisch-Schwaben und ist ein großer, unglaublich erfolgreicher Mann in seiner Wissenschaft. Seine Karriere scheint eine Faustregel zu illustrieren, die in den nüchternen Köpfen der Naturwissenschaftler nur als logisch gilt: Auch das hochkarätige Talent hat es leichter, sich durchzusetzen, wenn es einem schlagkräftigen, vom Erfolg beflügelten Team angehört als einer Crew, die tüchtig, aber glücklos ist und ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in der internationalen Konkurrenz nicht zur Geltung zu bringen versteht. Lynen war in dieser Welt nie ein Außenseiter; durch Geburt und Heirat (er heiratete die Tochter seines Lehrers Heinrich Wieland, Nobelpreisträger für Chemie 1923) stand er in einer Gelehrtentradition, die mit ihren Jokern umzugehen weiß. Heute ist Lynen selber ein renommierter Lehrer, der seine auf der ganzen Welt verstreuten Schüler ins richtige Startloch, respektive auf einen passenden Lehrstuhl gesetzt hat, damit sie in seinem Namen reelle Chancen zum Gewinnen bekommen. Laufen müssen sie selber.

Ich denke auch an Wolfgang Gentner, 70, den Kernphysiker aus Heidelberg, heute bekannt für seine Altersbestimmungen an Meteoren und Mondgestein. Mit seiner fröhlichen Nüchternheit und mit großem Mut rettete er während der Besatzungszeit in Frankreich das Pariser Radium-Institut des Ehepaares Joliot-Curie und dessen Wissenschaftler vor dem Zugriff der Nazis. Er stand der Résistance näher als der Besatzung. Die Franzosen haben es ihm nie vergessen und ernannten ihn zum Offizier der Ehrenlegion. Ende der fünfziger Jahre war er maßgeblich mitbeteiligt beim Aufbau des Weizmann-Instituts in Israel, dessen Ehrenmitglied er heute ist.

Oder Franz Wieacker, 68, der hintergründige Gelehrte, der in der Jurisprudenz der Kardinal unter den Priestern des römischen Rechts und der vergleichenden Rechtsgeschichte ist. Für seine Person hat er noch den allumfassenden Humboldtschen Bildungsbegriff verwirklicht: Als Liebhaberastronom, als Numismatiker, als Kenner der Schönen Literatur der Klassik und der neuesten Zeit vermag er die Gebildeten aller Stände elegant auf ihre Plätze zu verweisen. Es gibt kaum eine Universität, von der er noch keinen Ruf in der Tasche hatte. Bevor er sich entscheidet, pflegt er ausgewählte Gruppen der Bevölkerung, Trambahnfahrer oder Müllkutscher etwa, in der jeweiligen Stadt über die dort herrschenden Lebensverhältnisse zu befragen. Bisher hat er sich danach noch immer entschlossen, dort zu bleiben, wo er ist: in Göttingen und Freiburg im Breisgau.

Oder Rolf Gutbrod, 65, der Architekt: ein heißes Herz, das die olympische Gelassenheit der Klassiker im Ordenskapitel schon öfter auf die Probe stellte. Mehr als die Männer aus der Gelehrtenwelt lernte er als Baumeister in seinem Leben Anfeindungen, Neid, Pleiten und Kampf kennen – und Triumphe. Mit Frei-Otto zusammen baute er das Kongreßzentrum in Mekka. Inzwischen beauftragten ihn die Saudis auch, in Riad das King’s Office zu bauen. Er hat Büros in Stuttgart, Berlin und Riad und machte nicht nur durch seine Bauwerke von sich reden (darunter das Rundfunkhaus in Stuttgart, die Porsche-Fabrik, das Universitätsforum in Köln, das Berliner IBM-Gebäude), sondern auch, als er zum islamischen Glauben übertrat.

Oder Walter Rossow, 66, der Landschaftsgärtner, der alles, was er heute kann und ist, auf die Unterrichtsstunden zurückführt, die er als Junge in einem Berliner Schulgarten der zwanziger Jahre verbrachte. Über der Liebe zum Detail hat er nie den Zusammenhang der Landschaft aus dem Auge verloren. Die Ausbeutung der Natur, die gefährdete "Umwelt" Thema, obwohl er dieses Wort nur ungern benutzt. Seinem Wesen ist das Modische fremd, er schwimmt lieber gegen den Strom. Seine Werke hat er nicht geschrieben, sondern gepflanzt; den neuen Botanischen Garten in Tübingen, die Umgebung des Deutschen Pavillons auf der Weltausstellung in Brüssel 1958, die inneren Parkanlagen von Schloß und Landtag in Stuttgart, ein Soldatenfriedhof in Italien sind für ihn die wichtigsten seiner rund 200 Baustellen. Die Natur wieder regenerationsfähig zu machen, ist seine Lieblingsbeschäftigung auf seinem Hof im Oberland von Schwaben: zehn Jahre hat er gebraucht, um das verhungerte Grünland mit natürlichem Dünger wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Im Orden Pour le mérite hat er die zeitgemäße Nachfolge des großen Gartenkünstlers Lenné angetreten.

Ich denke an Theodor Eschenburg, 71 Jahre alt, den ersten Politologen, den der Orden aufzunehmen sich entschloß, um der Entwicklung der Wissenschaften Tribut zu zollen. Dabei mag die Autorität Eschenburgs und die Tatsache, daß er von Haus aus Historiker ist, die delikate Entscheidung erleichtert haben. Als Student und junger Doktor hatte er in Gustav Stresemann einen väterlichen Freund. Eschenburgs Beschäftigung mit der Geschichte und den Akteuren der Weimarer Republik macht einen wichtigen Teil seines wissenschaftlichen Werkes aus. Zudem ist er ein "leidenschaftlicher juristischer Amateur" (Eschenburg). Sein öffentliches Verdienst im Leben dieses Staates beruht auf seinen Rechtsüberlegungen zu aktuellen politischen Problemen (Stichworte waren "Die Herrschaft der Verbände", der "Gefälligkeitsstaat", "Dürfen Beamte streiken?"). Der Historiker Hans Rothfels nannte ihn "das juristische Gewissen der Bundesrepublik". Und als Erzähler von Geschichte ist er ein Thukydides der Neuzeit, der sein Publikum mit Fragen wie der Rolle der "Tischordnung" oder der "Herrenkleidung" in der Geschichte geistreich zu unterhalten versteht.

Und endlich Kurt Bittel, der Archäologe und jetzige Ordenskanzler des Pour le mérite. Weil sich die Archäologie naturwissenschaftlicher Methoden bedient, erkennen ihn die Naturwissenschaftler im Orden fast als einen der ihren an. Als Ausgräber hat er im anatolischen Bogazköy die Hauptstadt des untergegangenen Hethiterreiches wiederentdeckt und gilt, salopp gesagt, als "der Mann, der die Hethiter erfand". Ein eindrucksvoller Teil der ausgegrabenen Kulturschätze ist in einer zum Museum umfunktionierten alten Markthalle in Ankara untergebracht und gehört zu den Hauptsehenswürdigkeiten der türkischen Hauptstadt. Bittel, vom edlen Stamm der weitgereisten Schwaben, veranstaltet noch jedes Jahr im Sommer ein Seminar in Bogazköy, das zu einem Anziehungspunkt der Internationale der Archäologen und Altertumsforscher wurde, seien sie nun Profis oder Liebhaber. Bittels ungekünstelter menschlicher Wärme, die er ausstrahlt, auch wenn er mit erhobenem Zeigefinger doziert, kann sich niemand entziehen.

Namen, die für den Orden glänzen, wären noch viele zu nennen: Adolf Butenandt zum Beispiel oder Carl Friedrich von Weizsäcker, Carl Orff und Pierre Boulez (der Orden hat zusätzlich dreißig ausländische Mitglieder), der auf der letzten Kapitelsitzung neu gewählte Peter Huchel und Carl Zuckmayer, Konrad Lorenz und die vorstorbenen Mitglieder Marie-Luise Kaschnitz und Thornton Wilder. Den Pour le mérite "einen Club von vernünftigen, nicht kleinkarierten Leuten" zu nennen, ist jedenfalls eine Untertreibung, die sich nur ein Ordensträger selbst leisten kann. Genaugenommen ist er den "Unsterblichen" der von Richelieu begründeten "Académie Française" ebenbürtig – vorausgesetzt, ein deutscher Professor wäre sui generis nicht zu genügsam, um jenen gesellschaftlichen Aufwand zu treiben, der den Mitgliedern der Académie Française selbstverständlich ist. Wenn sie in ihren bunten Fräcken, mit umgeschnallten Degen und unter dumpfen Trommelwirbeln in die Akademie einziehen, um wieder einmal eine Seite im französischen Wörterbuch vollzuschreiben, dann geschieht dies auch "à toute la gloire de la France".

Nicht, daß die Mitglieder des Friedens-pour le mérite sich nach Zirkus sehnten: "Wir würden uns ja lächerlich vorkommen." Aber wen die fehlende Repräsentanz des Ordens in der Öffentlichkeit bedrückt, der sagt wohl schon: "Der Geist spricht französisch." Oder er denkt wie Kurt Bittel, als er als Gast an einer Sitzung der Académie Française teilnahm: "In Deutschland hat der Geist nie zur Gloire gehört."

Augenfällige Beispiele dafür gibt es nicht erst heute; eines der Ereignisse, das in der Gründungsgeschichte des Ordens eine Rolle spielt, war die beschämende Vergessenheit, in die Jacob Grimm vor 134 Jahren im Volk der Dichter und Denker geraten war.

In der nächsten Ausgabe:

Rebellen passen nicht zur Tradition