Wer bleibt draußen, wer kommt rein?

Von Nina Grunenberg

Gestiftet wurde die Friedensklasse des Pour le mérite 1842 von dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. Aber der geistige Anspruch des Ordens stammt von Alexander von Humboldt, dem königlichen Mentor. Der Gelehrte, der durch seine Forschungsreise durch Südamerika Weltruhm erlangt hatte, wußte in der schwärmerischen Künstlerseele des Monarchen mäzenatische Neigungen zugunsten von Kunst und Wissenschaft zu wecken, die damals am preußischen Hofe genauso unerhört waren, wie sie es heute in den Amtsstuben der Regierung Schmidt-Genscher wären. „Ich habe die Schwachheit zu wollen“, schrieb Humboldt einmal in gewinnender Offenheit an einen Bekannten, „daß die, deren Talent ich früh erkannt und verehrt habe, etwas Großes hervorbringen. Dadurch hält man sich gegenseitig in der Welt und trägt dazu bei, die Achtung vor geistigen Bestrebungen wie ein heiliges Feuer zu nähren und zu bewahren.“

Im Ordenskapitel, das sich seiner eigenen Geschichte mit selten erlahmendem Interesse, widmet, hält sich bis heute die verständnisinnig kommentierte Ansicht, daß der „Urgreis“ – so nannte sich der im Alter von neunzig Jahren verstorbene Humboldt sarkastisch melancholisch selbst – den Orden für seine zahlreichen, in der ganzen Welt sitzenden Freunde in Kunst und Wissenschaft reserviert hatte. Doch Friedrich Wilhelm IV., ein Deutschromantiker, der unentwegt deutsche Feste feierte, um ein deutsches Nationalgefühl zu kreieren, schien Verständnis für Humboldts Motive gehabt zu haben.

„Schon längst empfand er es als einen Widerspruch im deutschen Leben“, berichtete der Historiker Heinrich von Treitschke, „daß die Künstler und Gelehrten in keiner anderen Nation eine so bescheidene soziale Stellung einnahmen wie in dem Volke der Dichter und Denker. Er wußte wohl, wie wenig alle äußeren Auszeichnungen das ideale Schaffen selbst fördern; doch er hielt sie, wie sein Humboldt, für unentbehrlich, um das banausische Publikum auf die Würde der geistigen Arbeit hinzuweisen – zumal in diesem eitlen Jahrhundert, das, trotz seiner Freiheitsreden, nach Rang und Titeln so begehrlich trachtet wie kein anderes Zeitalter seit dem Untergang des Byzantinerreiches.“

Bestärkt wurde der König in seinem Vorhaben, als in jenen Tagen der Märchensammler und Germanist Jacob Grimm den ersten Orden seines Lebens erhielt – keinen deutschen, sondern einen französischen. Im Namen des Königs von Frankreich wurde dem „von allen deutschen Fürsten Vergessenen“ das Kreuz der Ehrenlegion übersandt, um deutsche Wissenschaft zu ehren. Da zeigten sich selbst die Radikalen beschämt, Hoffmann von Fallersleben ließ sich von dem Ereignis zu einem Lied auf „Deutschlands Schmach und Schande“ inspirieren, und Friedrich Wilhelm IV. beschloß, ad maiorem gloriam des preußischen Staates zu handeln.

Der Kölner Historiker Theodor Schieder, selber Ordensmitglied und der jüngste in der Reihe der Geschichtsschreiber, die sich dem Orden mit liebevoller Akribie widmeten, sagt dazu: „Man. kann die Friedensklasse des Pour le mérite in ihrer ursprünglichen Gestalt als eine Schöpfung des ‚anderen Preußen‘ bezeichnen, des Staates, der im Sinne der idealistischen Reformer auf Geist gegründet sein soll und sich durch ‚moralische Eroberungen‘ die Führung in Deutschland erwerben will.“

In seiner äußeren Form ist der Orden ein Schmuckstück, das nach wie vor Begehrlichkeiten weckt: Dem Nobelpreisträger Manfred Eigen wurde es gestohlen, und bei dem Göttinger Juristen Franz Wieacker wurde ein mißglückter Raubversuch unternommen. Getragen wird die Dekoration immer noch, wie Friedrich Wilhelm IV. sie schuf. Die runde Grundform ist einem Kettenglied des Schwarzen Adlerordens von 1701 entlehnt – gestiftet vom Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, als er sich zum König in Preußen krönen ließ. Das Blau des Randes und das schwarz-weiße Halsband erinnern an den 1740 von Friedrich dem Großen geschaffenen Pour le mérite. Ein Schnörkel der Geschichte, der nicht vergessen ist: Nach der preußischen Hofordnung rangierte der Pour le mérite für Wissenschaft und Künste protokollarisch hinter dem Schwarzen Adlerorden, mit dessen Verleihung der erbliche Adel verbunden war und dessen Träger sich zusätzlich mit einer dekorativen schwarzen Pelerine schmücken durften.

Im Safe versteckt

Damals blieb das Ordenszeichen im Besitz des Staates, nach 1918 in dem des Kapitels. Es gehört deshalb zu den Pflichten der Mitglieder, ihren Angehörigen noch rechtzeitig vor dem Tode mitzuteilen, in welchem Safe sie es versteckt haben, damit es zurückgegeben und dem Nachrückenden verliehen werden kann. Denn die geistige Kontinuität soll auch in der Praxis gesichert werden: Theodor Eschenburgs Orden trugen vor ihm der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin, der Romanist Ernst Robert Curtius und der Historiker Gerhard Ritter. Franz Wieackers Ordensvorgänger waren Eduard Spranger und Carl Jaspers. Theodor Schieder trägt den Orden von dem Orientalisten Enno Littmann und dem Historiker Percy Ernst Schramm. Auf Feodor Lynen kam der Orden über den Chemiker Emil Fischer und den Biochemiker Otto Warburg. Erich Kaufmann, der Rechtsgelehrte, hatte den Orden von Otto von Bismarck. (Der alte Reichskanzler erhielt den Pour le mérite erst nach seinem Sturz aus Anlaß des 25jährigen Jubiläums der Reichsgründung. Die Verleihung, für die Bismarcks staatsmännische Verdienste nicht herangezogen werden konnten, paßte offenbar nicht ganz in die Statuten. Im nachhinein, so meint der Pour le merite-Chronist Theodor Schieder mit feinem Spott, könne sie jedoch mit den stilistischen Künsten Bismarcks in den damals noch unbekannten Briefen an seine Braut und Gattin vollauf gerechtfertigt werden.)

Ähnlich wie die zweite. Grundsteinlegung des Kölner Doms, die ins Jahr der Ordensgründung fiel und auf Wunsch des Königs bis zur nationalen Erschöpfung gefeiert wurde, war der Pour le mérite als „gesamtdeutsche Aktion“ gedacht; er sollte Deutschland als geistige Einheit repräsentieren. So waren von Anfang an auch Nicht-Preußen im Orden vertreten: der Mathematiker und Astronom Gauß aus dem Königreich Hannover, der Maler Schnorr von Carolsfeld und der Bildhauer Schwanthaler aus Bayern.

Die Mitgliederzahl ist auf dreißig begrenzt, zusätzlich hat der Orden noch bis zu dreißig ausländische Mitglieder ohne Stimmrecht. Daß er keine Dekoration im üblichen Sinne ist, wird auch dadurch betont, daß die Ordensträger nicht vom Staatsoberhaupt ernannt werden. Vielmehr kooptieren die inländischen Ordensträger bei eingetretenen Vakanzen das neue Mitglied. Rechtlich ist dies die einzige Aufgabe, die das Ordenskapitel bis heute hat. Auf ihr beruht die Autorität des Pour le mérite, und schon deshalb ist die Frage: Wer blieb (bleibt) draußen, und wer kam (kommt) rein? das Lieblingsthema der Ordensmitglieder – unerschöpflich, faszinierend und abgründig.

Schon in der Gründungsgeschichte spiegelt sich die Neigung des Ordens zu den Klassikern des geistigen Lebens wider, nicht zu den Unruhestiftern. Alexander von Humboldt, als erster Ordenskanzler in seinem Element, sorgte dafür, daß die erste Auswahl der Ordensträger mit größter Sorgfalt getroffen wurde. Auf ihn geht auch die Proporzregelung zurück, daß das Kapitel aus zehn Geisteswissenschaftlern, zehn Naturwissenschaftlern und zehn Künstlern bestehen soll. In der Liste des Ordens von 1842 standen die Namen Jacob Grimm, Ludwig Tieck, Friedrich Rückert, August Wilhelm von Schlegel, Friedrich Wilhelm von Schelling, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Liszt und Peter Cornelius.

Einige Not bereitete der -bejahrte Bildhauer Johann Gottfried Schadow, der eigensinnig erklärte, er nehme den Orden nur an, wenn sein Sohn Gottfried, der Direktor der Düsseldorfer Akademie, ihn auch erhalte. Der König erfüllte die Bitte und verfügte eigenhändig: „Bei Papa Schadow muß der Sohn als erbberechtigt angeführt werden. Der Sohn kann aber die Dekoration tragen, ohne Stimmrecht.“

Nur einer der Ordensritter von 1842 wurde von der liberalen Kritik als „gänzlich unwürdig“ betrachtet: Metternich, den der, Preußenkönig ebenso fürchtete wie bewunderte, ohne daß dies bei dem Fürsten auf großes Interesse gestoßen wäre; Metternich mißtraute der romantischen Seele des Königs. Damals grollte Treitschke, Metternich habe dem jungen Leopold Ranke lediglich die Wiener Archive geöffnet, aber niemals etwas Nennenswertes für Deutschlands Kunst und Wissenschaft geleistet, „sondern das geistige Leben der Nation durch die Karlsbader Beschlüsse nach Kräften geschädigt“. In seinem Dankschreiben an Friedrich Wilhelm IV. antwortete Metternich denn auch weniger höflich als ehrlich, „daß seine Wissenschaft leichte Ware sei und daß er das Fach nicht angeben könne, in dem er ein Gelehrter sei“. Grillparzer, der gleichen Meinung, schrieb ein Epigramm mit dem Titel „Der literarische Orden: „Du gibst dem Orden nicht dem Schreiber der Geschichte/Nein dem, der gaukelnd selbst Geschichte hat gemacht/So gib ihm statt Shakespeare auch dem Othello/weil er doch Desdemonen umgebracht.“

Und wer stand 1842 nicht auf der Ordensliste und hatte sich dennoch durch seine Verdienste einen „ausgezeichneten Namen“ erworben? Percy Ernst Schramm, der Rittmeister im Gelehrtenornat und ehemalige Kanzler des Ordens, ging dieser Frage einmal nach: Hölderlin war der Welt 1842, schon seit Jahrzehnten entrückt, Büchner schon seit fünf Jahren tot. Annette von Droste-Hülshoff konnte nicht gewählt werden, nach den Statuten war die Aufnahme von Frauen nicht vorgesehen (die einzige Ausnahme von der Regel, die sich der Orden erlaubte, bevor die Bestimmung 1952 revidiert wurde, war die Wahl von Käthe Kollwitz im Jahre 1929). Heinrich Heine lebte 1842 schon seit elf Jahren in Paris. Schopenhauer hatte sich in Frankfurt verbarrikadiert, Ludwig Feuerbach hatte die Philosophie abgeschafft und war gerade dabei zu erklären, auch „die Religion sei nur Projektion menschlicher Wunsch- und Angstvorstellungen in den Himmel“. 1843 siedelte Karl Marx nach England über, fünf Jahre nach der Ordensgründung verfaßte er mit Engels das „Kommunistische Manifest“. Richard Wagner flüchtete 1849 von den Barrikaden in die Schweiz, in den Orden kam auch er nie.

Warum? Das ist wieder eine dieser Fragen, über die sich die Ordensträger noch heute ereifern können, ohne daß eine Mehrheit von ihnen heute wohl wesentlich anders entscheiden würde: „Denn diese Bahnbrecher“, so Percy Ernst Schramm, „griffen ja, nicht nur die politische Ordnung an; sie stellten die Religion in frage und unterhöhlten die bestehende Kultur.“

Rebellen zu wählen, hieße für den Orden, die Tradition abbrechen zu lassen und sich selber aufzugeben. Das schafften nicht einmal die Sozialdemokraten, die die Orden in der Reichsverfassung von 1919 abgeschafft hatten, aber nicht verboten, daß schon verliehene Orden weiter in Ehren blieben. Die Friedensklasse des Pour le mérite durfte sich darüber hinaus als „Freie Vereinigung von Gelehrten und Künstlern“ konstituieren, mit dem Recht, „die bisherigen dreißig historischen Abzeichen“ weiter zu tragen.

In Würde ausgetrocknet

Ernst wurde die Lage erst unter den Nazis. 1933 wurden noch Ernst Wölfflin und Ernst Barlach kooptiert. Dafür trat Albert Einstein aus dem Orden aus. Er wurde nach Amerika vertrieben. (1952 fühlte Theodor Heuss vor, um zu erfahren, ob Einstein wieder in den Orden eintreten würde, aber er lehnte ab.) Göring, Träger des Kriegs-Pour le mérite, hätte sich die Zuständigkeit für die Friedensklasse des Pour le mérite in seinem Amt als preußischer Ministerpräsident gern angeeignet und verfügte, „daß die jetzigen Mitglieder auf ihre politische und künstlerische Eignung überprüft werden“, ferner sollte die „Rassenzugehörigkeit“ der Mitglieder festgestellt werden. Wegen ihrer proletarischen Kunstrichtung und ihrer kommunistischen Verbindungen war insbesondere Käthe Kollwitz ein Stein des Anstoßes. Bis zu einer Neuregelung durch den Führer wurde dem Orden verboten, Neuwahlen vorzunehmen.

Aber bei dem hohen Lebensalter der Ritter war die Sterblichkeit groß. 1938 war ihre Zahl schon auf neunzehn zusammengeschmolzen, ohne daß Hitler etwas unternommen hätte. Wie sich später herausstellte, war es zu keiner Entscheidung gekommen, weil sich die Nazigrößen um die Kompetenzen gestritten hatten. Nicht nur Göring hatte ein Interesse am Pour le mérite, sondern auch der Reichs-Kultusminister Rust, der zugleich preußischer Kultusminister war, und Goebbels, der als Präsident der Reichskulturkammer bei der Ernennung von Künstlern das entscheidende Wort sprechen wollte. So hatte der Orden zu seinem Glück das unfreiwillige Privileg, in Würde auszutrocknen. Ein Ritter nach dem anderen starb, und es war nur eine Frage der Zeit, wann der letzte zu Grabe getragen werden würde.

1942, zum 100. Geburtstag, als die Erinnerung an den Friedens-Pour le mérite fast nur mehr historischen Charakter hatte, wurde des Ordens in der Frankfurter Zeitung noch einmal gedacht. Der glänzend geschriebene Artikel trug den Titel „Ein Areopag des Geistes“ und war nur mit dem Signet r. s. gezeichnet. Der Autor war Theodor Heuss – ein Name, der in den Annalen des Ordens mit Gold geschrieben steht und gleich nach dem des Ordensgründers Friedrich Wilhelm IV. rangiert. Denn es war ja nichts weniger als die volonté du peuple, die den Orden als „Geistesaristokraten-Ordnung demokratischer Prägung“ (Theodor Heuss) vor dem Erlöschen bewahrte, sondern allein die Initiative des ersten Bundespräsidenten der neuen Republik. Der Orden schien ihm in einer Geschichte, die durch Zusammenbrüche gekennzeichnet war, eine der raren Traditionen, die es wert war, erhalten zu werden. 1952 schrieb er an die drei noch lebenden Mitglieder, den Orientalisten Enno Littmann, Wilhelm Furtwängler und den damals 98jährigen General Hermann von Kühl (seit Helmut von Moltke gehörte es zur Tradition des Ordens, Militärschriftsteller von Rang aufzunehmen) und ermunterte sie, neue Mitglieder hinzuzuwählen und den Orden wieder auf die alte Zahl zu bringen – unter seiner Hilfe und Beratung.

In der nächsten Ausgabe:

Was tut der Orden eigentlich?