Mit Künstlern tut sich der Orden schwer – "Wir wollen wissen, mit wem wir uns noch gut unterhalten können" (III. und Schluß)

Von Nina Grunenberg

Heinrich Böll ist nicht drin. Günter Grass ist nicht drin. Uwe Johnson ist nicht drin. Bert Brecht war nicht drin. Gottfried Benn war nicht drin. Ernst Jünger, Träger des Kriegs-Pourle-mérite, erhielt die Friedensklasse trotz mancherlei Erwartung bis heute nicht. Hans Erich Nossack ist drin. Peter Huchel ist auf der letzten Sitzung des Kapitels im Juni diesen Jahres gewählt worden. Carl Zuckmayer ist drin (als Ausländer). Mit dem Pour le mérite ausgezeichnet waren auch: Reinhold Schneider, Rudolf Alexander Schröder, Hermann Hesse, Thomas Mann, Werner Bergengruen, Annette Kolb, Marie-Luise Kaschnitz, Thornton Wilder und T. S. Eliot (als Ausländer).

Wer kommt hinein? Wer bleibt draußen? Das Ordenskapitel als Auszeichnungskollektiv wird von diesen Fragen immer wieder zu Gewissenserforschungen inspiriert, die an Erlesenheit ihresgleichen suchen. Das ist nicht nur l’art pour l’art. Der Pour le mérite ergänzt sich durch Kooptation selber. Auf der Nachfolgerfindung beruht seine Autorität. Schon deswegen verstehen es die Ritter als ihre Pflicht, sich regelmäßig mit Fragen ihrer Fortpflanzung zu beschäftigen. Daß ihnen dies auch hohes Vergnügen bereitet, versteht sich von selber. "Ein herrliches Thema", meinte einer der big shots aus den Naturwissenschaften. "Der Kreis ist so klein, daß wir uns beinahe, ohne uns zu Wort melden zu müssen, unterhalten können. Man kann die Stimmung so weit steigen lassen, daß die Herrschaften wirklich ihre Meinung sagen."

Vorrang für Klassiker

Bei diesen Gelegenheiten dürfen sich die Bildung, die Welterfahrenheit und Menschenkenntnis der erlauchten Geister entfalten, auch ihr Witz, ihr hintergründiger Humor und die scharfsinnig verpackten Bosheiten, für die ihnen sonst oft das verständnisinnige Publikum fehlt. Dennoch sind die Zuwahlen erstaunlich intrigenarm. Anders als den "Unsterblichen" in Frankreich fehlt den Pour-le-mérite-Trägern das politischgesellschaftliche Umfeld, in dem sie gezwungen wären, sich noch zusätzlich zu profilieren. Da auch materielle Vorteile mit dem Pour le mérite nicht verbunden sind, bleibt ihr "Platz im Leben" so bescheiden, wie er vorher war. Es ist außerdem der Vorteil älterer Herrschaften, daß keine Krähe der anderen ein Auge aushackt: Das Interesse ist zu gering und die Manieren zu gut. Wenn sie sich streiten, tun sie es nie so heftig, wie die Mitglieder einer Fakultät oder einer Partei.

Die einzigen, die auch im Pour le mérite nicht so abgeklärt sind, sind die Künstler. Speziell die Dichter und Schriftsteller haben den Orden schon immer vor besondere Probleme gestellt. Die Frage, ob Goethe oder Schiller in den Orden aufgenommen worden wären, hätte es ihn zu ihren Lebzeiten schon gegeben, ist noch heute geeignet, eine lebhafte Debatte unter den Rittern auszulösen. Goethe hätte es wahrscheinlich eher geschafft als Schiller, auch weil er das notwendige Alter erreichte. Dem Schiller der "Räuber", von "Kabale und Liebe" und des "Fiesco" werden dagegen kaum Chancen eingeräumt. Aussichten hätte wohl nur der dem Sturm und Drang entronnene, gereifte Autor der "Maria Stuart" und des "Don Carlos" gehabt. Wie dem auch sei: Schiller starb im Alter von 46 Jahren, die Diskussion erledigt sich an diesem Punkt von selber. Wer in den Orden will, darf nicht zu den Frühverstorbenen gehören,

"Klassiker haben den Vorrang", antwortete ein Ritter auf die Frage nach den Auslesekriterien des Ordenskapitels. "Das ist Wissenschaftsgeschichte aller Zeiten. Das Gegenteil wäre, sich auf das Neueste vom Tage zu kaprizieren. Eine dauernde Institution könnte da jedoch nicht entstehen."

Daß es der Orden bei diesen Kriterien mit den Künstlern schwer hat, liegt auf der Hand. Die in den Stiftungsstatuten geforderte "weitverbreitete Anerkennung ihrer Verdienste" birgt insbesondere bei ihnen die Gefahr, Zeitströmungen zu verfallen – ein Grund mehr für die Ordensmitglieder, äußerste Zurückhaltung zu wahren. Eingedenk des Risikos, das eine Wahl in sich birgt, die dem Urteil der Geschichte nicht standhält, neigen sie gerade bei den Dichtern und Schriftstellern dazu, Entscheidungen aus dem Wege zu gehen – um dann irgendwann Zu einer Verzweiflungstat zu schreiten.

In gewisser Hinsicht geistert da immer noch der "Fall Uhland" durch die Geschichte. Im Dezember 1852 war der schwäbische Dichter Ludwig Uhland, ehemals Mitglied des württembergischen Landtags, als oppositioneller Abgeordneter und Abgeordneter auf der Seite der großdeutschen Linken in der Frankfurter Paulskirche, vom Pour le mérite gewählt worden. Noch ehe ihn die Nachricht offiziell erreichte, schrieb er an den Ordenskanzler Alexander von Humboldt einen Absagebrief. Uhland war der irrigen Meinung, daß mit der Auszeichnung die Erhebung in den Adelsstand verbunden war und empfand dies als Widerspruch zu seinen literarischen und politischen Grundsätzen.

"Dieser Widerspruch wäre um so schneidender", schrieb er an Humboldt, "als nach dem Schiffbruch nationaler Hoffnungen, auf dessen Planken auch ich geschwommen bin, es mir nicht gut anstände, mit Ehrenzeichen geschmückt zu sein, während solche, mit denen ich in Vielem und Wichtigem zusammengegangen bin, weil sie in der letzten Zerrüttung weiterschritten, dem Verluste der Heimat, Freiheit und bürgerlicher Ehre, selbst dem Todesurteile verfallen sind." Humboldt reagierte ungläubig: "In einem 84jährigen vielbewegten Leben ist mir wohl nie etwas mehr Unerwartetes vorgekommen." Aber Uhland ließ sich seine Überzeugung, die Humboldt gegenüber König Friedrich Wilhelm IV. als "katonisch-tugendhafte Albernheit" erklärte, nicht ausreden.

"Der Fall Uhland", schreibt Theodor Schieder in seiner Ordensgeschichte, "ist nicht nur an Zeichen der tiefen Wunden, die das Scheitern der Revolution von 1848/49 geschlagen hat, und des Bruchs zwischen Geist und Politik, der dadurch hervorgerufen wurde, er ist auch über den unmittelbaren Zeitpunkt hinaus ein Zeugnis für das immer gespannte Verhältnis von literarischer Freiheit und politischer Autorität, trat diese auch wie in der Wahl zum Orden Pour le mérite nicht selbständig hervor."

Auch Eigenbrötler

Hundert Jahre lang tat sich darauf nicht mehr viel für die Dichter im Orden. Symbolisch für die Versäumnisse des Pour le mérite steht der Name Theodor Fontanes. Er wurde nicht gewählt, obwohl er die Ehre zu schätzen gewißt hätte. Statt dessen entschied sich der Orden für Paul Heyse, den ersten deutschen Nobelpreisträger (1910) – "für uns heute völlig unbegreiflich", heißt es im Orden. Außer Gustav Freytag (1887) und Gerhart Hauptmann (1923) wurde bis zur Wiedergeburt des Ordens im Jahre 1552 kein Dichter mehr ausgezeichnet.

Abgesehen von der "weitverbreiteten Anerkennung" der Verdienste eines Wissenschaftlers oder Künstlers spielt offensichtlich auch der Charakter, die Aura eines Kandidaten ihre Rolle bei der Wahl in den Pour le mérite. Wer ein Auge für Proportionen hat und das Abgemessene schätzt, hat mit problematischen Naturen, mit Exzentrikern und Propheten nichts im Sinn. Leuten, die mit der Axt in der Arena stehen, begegnet der Orden mit Skepsis. Zu den Kandidaten, von denen man weiß, daß sie keine Mehrheiten im Orden fanden, gehörten Richard Wagner (erst sein Enkel Wieland Wagner wurde kurz vor seinem Tode noch in den Orden aufgenommen), Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger: Es ist zwar richtig, daß die Ordensmitglieder den Teufel auf der Kanzel noch allemal einem Langweiler vorziehen würden, aber es hat auch alles seine Grenzen.

Mit der Gabe des Naturwissenschaftlers zur entwaffnenden Vereinfachung antwortete der Nobelpreisträger Feodor Lynen auf die Frage, warum die einen in den Orden kommen und andere im Schatten bleiben: "Erstens muß man einen Sponsor haben und zweitens muß uns der Kandidat gefallen." Ein anderes Ordensmitglied brachte die Auswahlkriterien auf den Nenner: "Wir wollen wissen, mit wem wir uns noch gut unterhalten können." Ein anregender, origineller, anziehender, auch seltener und eigenbrötlerischer Charakter findet im Orden stets seine Kenner und Bewunderer. Wenn dann noch sicher ist, daß er nicht zu jenen gehört, die einen Orden nur auf der nackten Brust oder auf dem Rollkragenpulli tragen wollen; wenn klar ist, daß er sich nicht scheut, einen schwarzen Anzug anzuziehen, den Orden ordentlich vor die Fliege zu binden und in diesem Aufzug bei der Kapitelsitzung schon zum Frühstück zu erscheinen ("innerlich darf er ruhig grinsen"), ist der Kandidat schnell in den auserlesenen Kreis der Pourle-mérite-Träger integriert.

Häufiger als in anderen Gebieten findet sich dieser ideale Typ immer noch in den Geisteswissenschaften. Als eines der leuchtenden Beispiele wird der Göttinger Rechtsgelehrte Franz Wieacker genannt, dessen – wie er es nennt – "umfassende Halbbildung" ihn unter den Ordensmitgliedern in den Ruch bringt, das letzte Genie zu sein. Außer den Juristen waren im Pour le mérite auch die Historiker immer repräsentativ vertreten.

Dagegen waren die Germanisten im Orden stets nur schwach sichtbar. Die starken Richtungskämpfe auf diesem Gebiet werden mit Interesse beobachtet, aber die große Persönlichkeit, die der Orden sucht, haben diese Kämpfe offenbar noch nicht hervorgebracht. Der zur Zeit einzige Germanist ist der Schweizer Emil Staiger (als Ausländer). Ein Anglist gehörte dem Orden noch nie an, nur wenige Romanisten. Dagegen waren die Orientalisten immer stark und gut vertreten. Einer der Schätze, mit dem sich der Orden erst kürzlich schmückte, ist der in Frankfurt geborene Orientalist Richard Ettinghausen, dem das Ordenszeichen auf der Juni-Sitzung öffentlich verliehen wurde. Er war 1934 aus Deutschland ausgewandert und machte seine Karriere seit vierzig Jahren in Amerika. Bewegt nannte er die Aufnahme in den Pour le mérite seine "deutsche Wiedergeburt".

Nationalökonomen hat der Orden keine, Soziologen auch nur wenig. Alfred Weber hatte den Pour le mérite, Max Weber dagegen "war noch nicht der große Mann, als er starb". Seine Renaissance kam erst nach 1945.

Die geringsten Schwierigkeiten, die klarsten Entscheidungen, die vollständigste Repräsentanz gibt es bei den Naturwissenschaftlern. Da heißt es klipp und klar: "Um bahnbrechende Leistungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet ist nicht drumherum zu reden. Als Heisenberg seine Unbestimmtheitstheorie verkündete, als Adolf Butenandt sich mit Sexualhormonen befaßte, war das nachprüfbar. Anders als bei den Künstlern ist bei den Naturwissenschaftlern die Frage, wer besser ist, keine persönliche Ansichts- und Geschmackssache." Der Nobelpreis sichert den Eintritt in den Orden für einen Naturwissenschaftler (fast) immer. Eine gute Voraussetzung scheint auch die Zugehörigkeit zur Max-Planck-Gesellschaft zu sein (zu den "Max-Planck"-Wissenschaftlern gehören Feodor Lynen, Wolfgang Gentner, Konrad Lorenz, Carl Friedrich von Weizsäcker, Adolf Butenandt, Helmut Coing).

Den Naturwissenschaftlern kommt der Orden, wie manche Geisteswissenschaftler meinen, besonders entgegen: "In der Regel haben sie ihre bahnbrechenden Arbeiten früh gemacht und ihre jungen Jahre im Labor verbracht. Der menschliche Ausbau kommt bei ihnen erst später. Und dafür haben sie im Orden die besten Möglichkeiten." Ein Naturwissenschaftler: "Wenn man fünfzig ist, merkt man, daß es außer der eigenen Disziplin noch andere interessante Wissenschaften gibt. Man fängt an, sich zu interessieren und findet im Orden die großartigsten Gesprächspartner."

Respekt vor dem anderen

Der Orden trifft sich – mit Damen – zweimal im Jahr, einmal Ende Mai/Anfang Juni zu Friedrichs Geburtstag offiziell in Bonn, einmal informell im Herbst irgendwo im Lande in einem Gasthof mit einfachen Zimmern, aber gutem Wein. "Was die Jungs dann tun? Sie amüsieren sich", versuchte ein Mitglied zu erklären. Ein Geisteswissenschaftler: "Man zieht soviel Gewinn aus diesen Gesprochen. Ist es denn kein Privileg gewesen, mit Werner Heisenberg frei, ohne Hemmungen, sprechen zu dürfen?" Ein Künstler: "Im Orden fehlt jedes Konkurrenzdenken. Jeder läßt den anderen gelten und hat absoluten Respekt für ihn."

Den verstorbenen Bundespräsidenten Gustav Heinemann hat es als Protektor des Ordens Zeit seines Amtes irritiert, daß der Orden sonst nichts tut; daß er keine Aufgaben hat, außer sich seiner Fortpflanzung zu widmen und Nachrufe auf die Verstorbenen zu veröffentlichen, die dann allerdings auch ein literarischer Genuß sind. Kein Jahr vergeht ohne Todesfälle. Da sie sich untereinander kennen, ist jeder Verlust für die Ordensmitglieder Anlaß zu persönlicher Trauer. Wehmütigen Herzens die Witwen zu begrüßen, gehört mit zum Ritual der Kapitelsitzungen.

Daß sich dieser geistige Luxus in unserer auf Nützlichkeit getrimmten Gesellschaft nur unzureichend erklären und rechtfertigen läßt, gehört mit zu den Problemen, die den Ordenskanzler Kurt Bittel bewegen, wenn er sich Gedanken um die mangelnde öffentliche Repräsentanz des Ordens macht. Der Pour le mérite ist kein Kollektiv, sondern eine Kollektion hervorragender Persönlichkeiten. Jeder für sich hat eine Stimme, die in der Öffentlichkeit für sich selber spricht, aber alle zusammen lehnen es entschieden ab, zu bestimmten Fragen des öffentlichen Lebens einer Meinung zu sein. Sie sind es nicht, und sie sehen nicht, warum sie es sein sollten. Sie empfinden sich nicht als öffentliches Gewissen, sie sind keine Clique und keine Kaste, sie haben kein Sendungsbewußtsein und stellen keine Ansprüche an die Öffentlichkeit. Sie sind nur "angenehme, weltläufige Herrschaften, die nichts durchsetzen Wollen und niemanden begünstigen".

So recht reimen läßt sich das für problembewußte Leute alles nicht. In einem Land, in dem Tradition mit Restauration in Verbindung gebracht wird, wenn nicht gar mit Reaktion, hat es ein so exklusiver Orden schwer, seine Existenz nach außen, zu rechtfertigen. Auf ihre Tradition als ein Stück preußischen Erbes aufmerksam zu machen, halten deshalb nur die einen für ihre Pflicht; andere Ordensmitglieder stehen solchen Gedankengängen skeptisch gegenüber und sehen eher die Gefahr, die ihnen daraus erwachsen könnte: "In unserer Zeit", sagte einer von ihnen, "egalitär und neidisch wie sie ist, würden wir, wenn wir uns öffentlich äußerten, den Orden zerfetzt wiederfinden."