Wie erzählen sie das? Collins und Lapierre sind Journalisten, genauer Reporter. Sie sind geschult, vor Ort zu recherchieren und ihre Geschichte genau aber farbig, auf Wirkung bedacht, zu erzählen. Sie beherzigen die Regel, niemals zu langweilen. Ihr journalistisches Handwerkszeug benutzen sie hier, um Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Sie fragten die Akteure jener Tage, sofern sie noch lebten, sie besuchten die Tatorte, wühlten sich durch alte Zeitungen, stöberten die Beteiligten des Mordes an Gandhi auf, sichteten Dokumente und Archivmaterial.

Dann schrieben sie, so lebendig wie sie es früher im Paris Match getan haben. Das Ergebnis ist eine spannende Super-Reportage, kurzweilig und erschütternd zugleich. Man glaubt streckenweise, die Schriftsteller-Reporter waren dabei, als Mountbatten "einen nachdenklich ernsten Blick auf die Straße warf", als der König "ganz fröhlich" fragte..., als Gandhi nach dreißig Jahren der generellen Enthaltsamkeit einen "erregenden Traum" hatte, "der eine Wirkung auslöste, die die meisten Männer dieses Alters recht beglückt hätte"?

Klaus Stephan, der Moderator von "Report", läßt den Helden seines Romans "Ein feiner Patriot" über Journalismus reflektieren und geht mit den Journalisten hart ins Gericht, die dem Leser so oft suggerieren, sie seien bei dem beschriebenen Ereignis wirklich dabeigewesen. Beispiel von Stephan: Der Reporter besorgt sich die Menükarte eines Essens zweier Staatsoberhäupter und schreibt: "Bei Frühlingssuppe, schottischem Salm, junger Ente und Erdbeeren besprachen die beiden Präsidenten die Situation im Nahen Osten." Kein Zweifel, hier soll Augenzeugenschaft suggeriert werden. "Das infame Kunststück besteht darin, daß in keiner Zeile seine Anwesenheit behauptet wird. Er läßt den Leser teilnehmen an Ereignissen, deren Beobachter er ebensowenig war wie sein Publikum. Er steht auf der Müllkippe der Agenturmeldungen ...", schreibt Stephan.

Viele sich flott gebende Journalisten, nicht zuletzt angesteckt durch den Stil, den der Spiegel Woche für Woche pflegt, glauben durch schmückende Beiworte und die Darstellung der Wahrscheinlichkeit als Wahrheit einen modernen und aufklärerischen Journalismus zu pflegen.

Erliegen auch Collins und Lapierre dieser Gefahr, wenn sie mit journalistischen Mitteln Geschichte erzählen? Sie streiten es vehement ab. Sie können alles belegen, erklären sie und weisen es im Anhang des Buches auch nach. Aus fünfzehn Tonbandinterviews von insgesamt fast dreißig Stunden Dauer mit Lord Mountbatten und unzähligen Gesprächen mit seinen Mitarbeitern glauben sie zu wissen, wann er die Stirn runzelte und wann nicht. Wie dem auch sei: Im Kontext stimmen ihre interpolierenden Bemerkungen, und daß Gandhi in jener Nacht eine Erektion hatte, wissen sie von seinem Privatsekretär.

Mag sein, daß ein Historiker an dieses Buch mit Distanz herangehen muß. Schließlich geben die beiden Autoren zu, keinen direkten Einblick in die historisch wichtigen Dokumente gehabt zu haben, die beispielsweise Mountbattens Arbeit in Indien belegen. Aber sie schreiben: "Lord Mountbatten konnte während der Stunden unserer gemeinsamen Arbeit ständig diese Materialien zu Räte ziehen, um sein Gedächtnis aufzufrischen und seine Tätigkeit in Indien mit der notwendigen Authentie zu rekonstruieren." Mag also ein Historiker getrost seine kritischen Fragen stellen – das Buch ist ehrlich gearbeitet, sauber geschrieben, es ermüdet auf keiner Seite, es amüsiert und erschüttert gleichermaßen. Kurz, eine Ferienlektüre, die großen Spaß gemacht hat.