Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften zwei Wochen nach den Olympischen Spielen provozieren die Frage: Was soll das noch? Doch in der scheinbar lästigen Pflichterfüllung motivations- und wettkampfmüder Sportler hat so mancher Athlet seine ganz persönliche Genugtuung gefunden.

Da rannte der Schwabe Rolf Ziegler aus Leibeskräften einem ohnehin ungefährdeten Erfolg über 400 Meter Hürden entgegen, um den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) hinterher mit der Siegerzeit von 49,88 Sekunden beschämen zu können. Die nämlich hätte ihm in Montreal den fünften Platz eingebracht. Der DLV jedoch hatte Ziegler nicht viel zugetraut und seine Olympiateilnahme erst befürwortet, als es schon zu spät war.

Die Olympiasiegerin Annegret Richter lief sich vor ihrem Start zum 100 Meter Endlauf eine volle Stunde gründlich warm. Man konnte sich nicht vorstellen, daß es der in Montreal schnellsten Frau der Welt noch viel bedeuten könnte, zu beweisen, daß sie auch im eigenen Land die Schnellste ist. Sie sagte: „So ein Titel hat auch für mich noch Wert. Ich bin doch erst einmal Meisterin über 100 Meter gewesen.“

Paul Heinz Wellmann, Bronzemedaillengewinner über 1500 Meter aus Leverkusen, lief nach dem vergleichsweise bescheidenen Erfolg des deutschen Meistertitels glückstrahlend eine Ehrenrunde. „Das war ein besonders befriedigender Sieg für mich“, sagte er später, denn er hatte Thomas Wessinghage geschlagen. In Montreal hatten viele gesagt, er habe eine Medaille gewonnen, die im Grunde Thomas Wessinghage gehöre, der der bessere Läufer sei. Das kränkte. Jetzt ist Paul Heinz Wellmann endgültig aus dessen Schatten getreten. Dabei hatte sich Thomas Wessinghage auf dieses Duell mit seinem Klubkameraden besonders intensiv vorbereitet.

Den Wattenscheider Sprinter Dieter Steinmann hatte niemand auf der Meisterschaftsrechnung über 100 m gehabt. Dann lief der in Montreal im Zwischenlauf Gescheiterte international beachtliche 10,36 Sekunden. Nach so viel Hohn und Spott über die deutschen Sprinter, welch ein Triumph, „Das können Sie mal schreiben“, sagte er, „daß ich diesen Erfolg nur unserem Trainer Klamma zu verdanken habe. Der hat zuletzt immer nur Prügel erhalten, und das war ’ne große Ungerechtigkeit.“

Der Olympiadritte über 5000 Meter, Klaus Peter Hildenbrand aus Darmstadt, sagte: „Wissen Sie, so ein Meistertitel, der ist gar nicht austauschbar. Auch nicht gegen eine Bronzemedaille.“ Wäre es notwendig gewesen, Hildenbrand hätte sich vermutlich wieder mit letzter Kraft ins Ziel geworfen. Wie in Montreal, wie vor Jahresfrist in Gelsenkirchen, als er das erstemal Deutscher Meister über 5000 Meter geworden war.

Die an professionellen Sport gewöhnte Öffentlichkeit mochte über solchen Amateur-Ehrgeiz professionell trainierender Spitzensportler staunen. Sie war nicht in Erwartung bedeutender Wettkämpfe und Rekorde gekommen, sondern nur um die medaillendekorierten Olympiamatadoren einmal aus der Nähe zu erleben. Auch sie nahm von diesen zwar nicht bemerkenswerten, gewiß aber merkwürdigen Titelkämpfen etwas Besonderes mit. Uwe Prieser