Die britische Sonntagszeitung „Observer“ stellte in ihrer letzten Ausgabe unter der Schlagzeile: „Wurde Ulrike Meinhof vergewaltigt und erwürgt?“ eine Reihe von Behauptungen auf, die geeignet sind, Zweifel an der offiziellen deutschen Version zu wecken, die Terroristen-Chefin habe in ihrer Stammheimer Gefängniszelle Selbstmord begangen. Die ZEIT ist den Vorwürfen nachgegangen.

Im einzelnen schreibt der Observer unter Berufung auf deutsche Quellen und Recherchen:

  • „Zu den nicht veröffentlichten Teilen aus den Akten der Staatsanwaltschaft (über die Todesursache) gehört auch die Tatsache, daß an Frau Meinhofs Unterwäsche Sperma-Spuren gefunden wurden. Die Akten ergeben dazu: ‚Ein vorläufiger chemischer Sperma-Test in diesem Bereich zeitigte eine positive Reaktion.‘“
  • Der Autopsiebericht der von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gerichtsmediziner Professor Rauschke und Professor Mallach stelle fest, daß die Leiche mit einer Kordhose und einem Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln bekleidet war. Doch später werde davon berichtet, daß sich über den nackten Körper eine aufgetrocknete Speichelspur gezogen habe, die in drei bis vier Millimeter Breite von der Brust bis zum Nabel reichte. Und weiter, wörtlich: „Speichelfluß ist eine Erscheinung sowohl des Erhängungstodes wie der Erwürgung; die Spur auf der Haut legt jedoch die Annahme nahe, daß Frau Meinhof nicht voll bekleidet war, als sie starb.“
  • Die Gutachter hätten an den Beinen der Toten blaue Flecken gefunden. Solche Flecken kämen oft bei Opfern von Vergewaltigungen vor. Zusammen mit den Samenspuren in der Unterwäsche der Toten könnten sie deshalb auf eine versuchte oder vollendete Vergewaltigung hinweisen. Dennoch habe der Bericht der von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gutachter diese Beweisanzeichen für belanglos erklärt und sei zu dem Ergebnis gelangt, daß Ulrike Meinhof sich selbst durch Erhängen getötet habe.
  • Der von den Hinterbliebenen mit einer Nachsektion beauftragte Professor Werner Janßen, Gerichtsmediziner in Hamburg, habe sich vor die Tatsache gestellt gesehen, „daß Teile des Körpers in einem solchen Ausmaß abgeschnitten waren, daß es ihm unmöglich war, den wirklichen Geschehensablauf zu rekonstruieren, der zum Tode führte“.

Die Recherchen der ZEIT hierzu ergaben folgendes:

  • Die Unterwäsche der Toten wurde von der Kriminalpolizei – nicht von den Obduzenten – einem sogenannten Phosphatasetest unterzogen. Dieser Test dient lediglich dazu, das Vorhandensein von Eiweiß zu ermitteln, ohne Rücksicht auf dessen Herkunft. Das Ergebnis war positiv. Daraufhin beauftragte die Staatsanwaltschaft den Mit-Obduzenten Mallach, einen speziellen Sperma-Test durchzuführen. Ergebnis: Negativ. Professor Mallach hat dieses Ergebnis der ZEIT noch einmal ausdrücklich bestätigt.
  • Die Speichelspur ist im Obduktionsbericht der Erstgutachter erwähnt. Daß sie auf der Haut und nicht über die Bluse verlief, wird damit erklärt, daß die beiden oberen Knöpfe der Bluse geöffnet waren. In der Tat ist es vorstellbar, daß die Körperhaut bei gesenktem Kopf von einer aus dem Mund rinnenden Flüssigkeit benetzt werden kann, auch wenn der Oberkörper bekleidet ist.
  • Die blauen Flecken in den Beinen der Toten werden von Erst- und Zweitgutachtern damit erklärt, daß Ulrike Meinhof von einem Stuhl oder Schemel in die zuvor aus zusammengeknüpften Handtüchern hergestellte Schlinge gesprungen ist und daß ihr Körper danach gegen das Hindernis schlug. Spuren von Gewalteinwirkung in der Nähe des Genitalbereichs oder in diesem haben weder die Erstgutachter noch der Nach-Obduzent feststellen können. Solche Spuren finden sich aber bei Sexualverbrechen nahezu regelmäßig.
  • Der Nach-Obduzent, Professor Janßen, fand die Leiche im Normalzustand nach Erstobduktion vor: Der Toten waren nicht etwa Körperteile abgeschnitten, sondern nur Gewebeproben – von Lunge, Leber und anderen inneren Organen – entnommen worden, wie dies üblich und notwendig ist. Allerdings verweigerte die Staatsanwaltschaft Professor Janßen jegliche Auskunft über das Ergebnis der Erstobduktion. Die Befunde der Feingewebsuntersuchung waren ihm ebensowenig zugänglich wie das, was die Erstgutachter unter den abgeschnittenen Fingernägeln der Toten gefunden hatten: nicht etwa Kratzspuren von der Haut des vermuteten Vergewaltigers und Mörders, sondern Stoffasern von den Handtüchern, mit denen Ulrike Meinhof sich erhängt hat.

Es ist durchaus zu verstehen, daß ein seriöser Wissenschaftler wie Professor Janßen sich bei dieser Sachlage weigerte, abschließend Stellung zu nehmen. Immerhin hat auch er, dem die Mord-These zu untermauern von den Hinterbliebenen und anderen Interessenten nahegelegt worden war, keinen Anhaltspunkt dafür gefunden. Sein Resümee gegenüber der ZEIT: „Ein geradezu klassischer Selbsterhängungstod.“

Hans Schneler