Von Felix Spies

Friedrich Gulda spielt ihnen „Das Wohltemperierte Klavier, Teil I“ wie „Teil II“. Udo Lindenberg intoniert für Sie „I’ll Make You Love Me“. Cindy & Bert singen für ihre Rechnung von „Zwei Gitarren in der Sternennacht“. Die Westfälischen Nachtigallen schmettern: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.“

Die Topmanager der BASF, fit in Öl und Gas, Düngemitteln und Farbstoffen, sind der schönen Töne dennoch müde. Länger als fünf Jahre schon müht sich ihre Konzern-Sparte Magnettechnik und Nyloprint (M & N), mehr schlecht als recht, mit der Produktion und dem Verkauf von Schallplatten und bespielten Cassetten. Jetzt, im sechsten, haben die zehn Vorstandsherren in Ludwigshafen endgültig genug: „Die BASF“, so ließen sie Ende Juli verkünden, „prüft zur Zeit die Möglichkeiten, sich aus der direkten Betätigung im Musikgeschäft zurückzuziehen.“

Die Prüfung zieht sich in die Länge. Ende August hat die BASF ihren Plan, das Schallplatten- und MusiCassetten-Geschäft aus der Sparte M & N in eine selbständige Firma auszugliedern und deren Kapitalmehrheit dann an eine der großen Schallplatten-Firmen zu verkaufen, noch nicht verwirklicht. Hans-Jochen Versemann, Marketing-Direktor der M & N-Sparte und rundum mit potentiellen Käufern bereits seit Mitte Juli im Gespräch, ist dennoch optimistisch: „Wir haben Interessenten aus dem In- und Ausland. Die Verhandlungen entwickeln sich positiv.“

Mögliche Käufer indes geben sich eher spröde. „Wir haben am Musikgeschäft der BASF ein freundliches Interesse“, sagt milde Dieter Bliersbach, stellvertretender Geschäftsführer der Hamburger Polydor International, der Muttergesellschaft der Deutschen Grammophon GmbH. „Aber wir kaufen keine Marktanteile.“ Und Friedrich Schmidt, der als Geschäftsführer bei der Münchner Bertelsmann-Tochter Ariola-Eurodisc GmbH immerhin mit BASF-Unterhändlern bereits „auf dem Reißbrett“ die ideale Firma entworfen hat, versichert: „Es gab noch keine konkreten Verhandlungen.“

Für Schallplatten-Produzenten wie Polydor International und Ariola, die sich zusammen mit der Kölner EMI Electrola im Inland um die Marktführerschaft streiten (siehe Tabelle), hat die BASF, außer mit ihren Verträgen mit Künstlern und Lizenzgebern, wenig zu bieten: Im vergangenen Jahr, dem vierten nach dem Start bei Null, brachte es der zweitgrößte Chemiekonzern der Welt (Erlös 1975: zwanzig Milliarden Mark) mit seinen Schallplatten und MusiCassetten erst auf einen vergleichsweise kümmerlichen Umsatz von 30 Millionen Mark. Die BASF hatte damit gerade zwei Prozent des deutschen Tonträger-Marktes erobert, auf dem 1975 im Handels-, Club- und Mail-Order-Geschäft Schallplatten und MusiCassetten im Wert von 1,5 Milliarden Mark verkauft worden sind.

Schlechter noch: Mit seiner Musikproduktion, die vom biederen deutschen Schlager über Pop, Jazz, Folklore Klassik bis hin zu historischen Aufnahmen und Weihnachtsmusik reicht, machte der sonst so erfolggewohnte Chemie-Multi kräftigen Verlust – insgesamt bisher 30 bis 40 Millionen Mark, so schätzt die Konkurrenz. Erst von vierzig Millionen Mark Umsatz an, so die Branchenregel, arbeitet heutzutage eine Schallplatten- und MusiCassettenfirma rentabel. „Das Geschäft“, sagt Ariolaner Friedrich Schmidt, „ist sehr hart geworden.“