Das Management der BASF, die das Magnettonband erfunden hat und inzwischen seit mehr als vierzig Jahren produziert, machte, als es im März 1971 das Geschäft mit bespielten Bändern und Schallplatten begann, gleich zu Anfang einen kardinalen Fehler: Statt das eher wetterwendische Business mit den U- und E-Tönen (Unterhaltungs- und ernster Musik) organisatorisch leichtfüßig mit einer eigenen Tochtergesellschaft zu betreiben, preßten sie es in die mit inzwischen mehr als 650 Millionen Mark Umsatz eher schwerfällige Sparte Magnettechnik und Nyloprint. M & N verkauft zwar mit großem Erfolg auch (unbespielte) Leercassetten. Aber neben so ernsthaften Dingen wie Computerbändern oder Druckplatten für Telephonbücher wirkte die von Mannheim aus gemanagte Musikproduktion auf Branchenkenner stets fehlplaziert.

„Die konnten ja gar nicht selbständig operieren“, urteilt denn auch ein Konkurrent, der es für lebensnotwendig erachtet, daß ein Musik-Management „täglich entscheiden kann“. Noch ein anderes kam hinzu: Während die Chemiker das Musikgeschäft als Ganzes eher halbherzig betrieben und deshalb vor allem in der international orientierten Pop-Szene kaum Boden gewannen, konnten sie im Einzelfall durchaus auch des Guten zuviel tun. So warf beispielsweise Kleinaktionär Erich Nold 1972 dem BASF-Vorstand vor, die unter Vertrag genommene Schlagersängerin Manuela verdiene mehr als eine Million Mark und damit viel zu viel. Die juristische Kontroverse, die sich daraus entspann, versandete wieder beim Bundesverfassungsgericht. BASF-Chef Matthias Seefelder: „Musik und Chemie passen eben nicht zusammen.“

Das Musik-Business, damit können sich die BASF-Manager trösten, ist indes auch ziemlich schwierig. Zwar wächst der Markt: Im vergangenen Jahr verkaufte die Branche im Inland fast 150 Millionen Schallplatten und MusiCassetten, das waren dreizehn Prozent mehr als 1974; und bis Ende Juni ist der Absatz der deutschen Tonträger-Industrie um weitere sieben Prozent gestiegen. Aber wegen der kräftig wachsenden Billigimporte und der um sich greifenden Räuberei skrupelloser Imitateure schrumpfen die Renditen: „Unsere Firmen“, so klagt Norbert Thurow, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg, „stehen seit drei Jahren unter starkem Preisdruck.“

Bedrückt ist die Musikbranche auch aus anderem Grund: Die Leercassetten haben die bespielten inzwischen überflügelt. Weil unbespielte Cassetten zum kostenlosen Mitschnitt von Rundfunk- und Fernsehsendungen geradezu einladen, verkaufen die Marktführer BASF, Agfa und 3M inzwischen schon drei- bis viermal mehr Leercassetten als bespielte. Dabei geht natürlich die Musikbranche leer aus. Erstmals war denn auch 1975 mit 800 Millionen Mark der Umsatz mit unbespielten und bespielten Cassetten größer als der Erlös aus Singles und Langspielplatten (700 Millionen Mark). „Die Cassette“, klagt Phonographie-Funktionär Thurow, „ist ein sehr zweischneidiges Ding.“ Schwarzmaler sehen es simpler: Sie prophezeien bereits für Anfang der achtziger Jahre „die letzten Tage der Schallplatte“ (Deutsche Zeitung).

„Wir erwarten bei unbespielten Cassetten“, so prognostiziert auch BASF-Marketingdirektor Versemann, „einen weiteren guten Absatzzuwachs von jährlich zehn bis fünfzehn Prozent.“ Daß sich die BASF daran schon in Kürze ungeschmälert, weil befreit von dem Verlust aus ihrer direkten Betätigung bei Schallplatten- und MusiCassetten erfreuen kann, ist für Versemann so gut wie sicher: „Die Verhandlungen über unseren Rückzug aus dem Musikgeschäft werden bis Ende September abgeschlossen sein.“

Die potentiellen Liebhaber der BASF-Musik haben es nicht ganz so eilig. Sie bevorzugen, aus naheliegenden taktischen Gründen, für den Fortgang der Gespräche über die BASF-Schallplatten und -Cassetten entschieden das Musikzeitmaß ritardando, die Verzögerung. „Es wäre unnatürlich“, sagt Polydor-Manager Bliersbach, „wenn wir nicht miteinander sprechen würden. Aber unsere Haltung ist rein rezeptiv.“ Ariola-Geschäftsführer Schmidt gibt sich für Bertelsmann noch gleichgültiger: „Wir glauben nicht, daß es klappt.“

Andere glauben anders. „Die Bertelsmann-Leute sind stark interessiert“, so will ein Beobachter der Rundum-Gespräche erkannt haben. „Doch jetzt tun sie so, als hätten sie die Lust verloren. Dabei wollen sie doch nur die BASF weichkochen.“

Ob das gelingt? Die BASF-Manager können, mit der Finanzkraft ihres florierenden Chemie-Geschäfts im Rücken, geduldig warten. Zudem finden sie, so sie wollen, Rückhalt in ihrem Repertoire: „Das werden wir schon schaukeln“, singt ihnen ihr Schlager-Duo Cindy & Bert. Und wenn es sein muß, haben sie mit einem anderen Song der beiden BASF-Interpreten auch Verhandlungshilfe parat. Sein Titel: „Komm, gib mir mehr.“