Von Hans C. Blumenberg

Als die Bilder laufen lernten, entzückten die kurzen Sensationen des „Kinematographen“ zuvörderst das gemeine Volk. Das Kino der frühen Jahre, zwischen 1895 und 1907, fand weniger im Saal statt als auf dem Rummelplatz. Schausteller zogen mit primitiven Vorführgeräten von einem Jahrmarkt zum nächsten, boten neben den klassischen Künsten von Feuerschluckern und Taschenspielern verwegen flimmernde Impressionen aus der großen weiten Welt an: Lehrreiches wie „Moderne Verkehrstechnik und ihre Gefahren“ oder „Kreislauf des Wassers“, Exotisches wie „Tropenzauber“, Patriotisches wie „Der Kaiser in Hildesheim“. Für die lieben Kleinen gab es „Bilder aus der Märchenwelt“. Diese technisch noch höchst unvollkommenen Minifilme dauerten jeweils nur, ein paar Minuten.

Während sich solcherart. die Siebente Kunst durch ihre Steinzeit schlug, dachten Deutschlands Dichter keineswegs daran, die bewegten Bilder überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Die niederen Stände der wilhelminischen Zeit hatten sich begeistert daran gewöhnt, „einen Eisenbahnzug in tollster Natürlichkeit auf weißer Leinwand heranbrausen“ zu sehen, daß das Ganze mehr sein könnte als ein Spielzeug für die Massen, dämmerte unseren Künstlern und Denkern erst mehr als ein Jahrzehnt nach der ersten öffentlichen Vorführung des „Bioscop“ Brüder Max und Emil Skladanowsky am 1. November 1895 im Berliner Wintergarten.

1909 immerhin schon bekennt Max Brod in einem Artikel über das „Kinematographentheater“, ihn mache „das leise Sausen des Apparats siedend-vor Erwartung“. Ein Jahr später gab es in Berlin 139 Kinos, und wen es danach gelüstete, konnte Werke wie „Gebrochener Stolz – Die Tragödie eines europäischen Rasseweibes“ oder „Der Mann mit der beweglichen Gehirnschale – Detektivschlager“ zuhauf besichtigen. Einer zum Weinen war vermutlich „Rückkehr zur Pflicht – Ein erwärmender Blick aus dem Frauen leben“. Und Max Brod war nicht der einzige Schriftsteller, der nun plötzlich den Reiz des neuen Mediums entdeckte. „Oh, diese Technik ist sehr entwicklungsfähig, fast reif zur Kunst“, notierte Alfred Döblin 1909 und ergötzte sich an „Kriminalaffären mit einem Dutzend Leichen“, aber auch an „faustdicken Sentimentalitäten“.

Mit dem expressionistisch-ekstatischen Titel „Hätte ich das Kino!“ (Carlo Mierendorff, 1920) präsentiert das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar bis zum 31. Oktober eine Ausstellung zum Thema „Die Schriftsteller und der Stummfilm“. Rund vierhundert Exponate gibt es zu sehen, von Szenenphotos und Originalmanuskripten über frühe Filmzeitschriften, Plakate, Pamphlete bis hin zu Dekor-Skizzen, Kostüm-Entwürfen und zwei Modellen des „Caligari“-Films von Robert Wiene.

Drei Jahrzehnte Film- und Literatur-Geschichte in fünf Abteilungen: „Im Kientopp“, „Kinostück und Autorenfilm“, „Literatur im Film“, „Industrie und Kunst“, „Wirkungen“. Etliche Raritäten kommen aus den Beständen der Deutschen Kinemathek in Berlin, andere von Privatsammlern, einige aus dem Besitz des 1975 in Marbach gestorbenen Literaturwissenschaftlers, Kritikers, und Essayisten Kurt Pinthus. Pinthus, dessen Expressionismus-Anthologie „Menschheitsdämmerung“ zur Pflichtlektüre aller Germanistik-Studenten gehört, war einer der ersten deutschen Filmrezensenten und gab 1913 das legendäre „Kinobuch“ heraus, mit Kinostücken von Walter Hasenclever, Else Lasker-Schüler, Max Brod, Ludwig Rubiner, Heinrich Lautensack und anderen. „Das Kino“, schrieb Pinthus damals, „wird sich nur halten und entwickeln können, wenn es wirklich Kino sein will, also wenn es sich seiner unendlichen Möglichkeiten erinnert und aufgibt, der Schaubühne nacheifern zu wollen.“

Was die Dichter mit diesen „unendlichen Möglichkeiten“ anfingen, wie sich bald schon ein Bündnis zwischen Kunst und Kommerz entspann, dokumentiert die Marbacher Ausstellung mit einer Fülle von Material, auch wenn man sich vielleicht ein wenig zu viel vorgenommen hatte und eine Konzentration auf gewisse Schwerpunkte wohl nicht geschadet hätte. So immerhin kommt jeder auf seine Kosten: der Liebhaber expressionistischer Gebrauchsgraphik ebenso wie der Literaturwissenschaftler, aber auch der vergnügungssüchtige Laie, der zwischen den bunten Relikten der „Kientopp“-Ära manch heiteres Stück finden wird, sei es nun eine Plakatwand mit Titeln wie „Im Taumel der Leidenschaft“ oder schlicht „Das Laster“, sei es das Programm zu dem sensationellen Spektakel „Die Reise um die Welt oder Die Jagd nach der 100 Pfundnote“ (1913), in dem Senta Eichstaedt die tollkühne Detektivin Miß Nobody spielt.