"Euro-Bau 76": Musterhäuser auf dem Tablett

Von Gerhard Seehase

Mit fünf Mark sind Sie dabei. Und wer seinen Obolus am Kassenhäuschen entrichtet hat, kann auf dem Norderstedter Bau-Olympia "der kurzen Wege" wahre Rekorde brechen. Denn wo sonst wäre es möglich, auf einem Areal von nur zehn Hektar mehr als 100 Einzelhäuser der verschiedensten Typen zu besuchen.

Die "Euro Bau 76", Europas größte Musterhaus-Ausstellung, hat in Norderstedt, vor den Toren Hamburgs, ihre Kassen geöffnet. Bis zum Dezember dieses Jahres genügt noch das kleine Portemonnaie, um sich selbst im 324 000-DM-Traumhaus ungehindert in den Sesseln räkeln zu können. Danach werden die Besitzer von ihren Häusern Besitz ergreifen und Umweltprobleme zu lösen haben.

Denn zum 324 000-DM-Traumhaus gehört nicht etwa der weite Blick über einen verträumten See, sondern der kurze Weg in die Nachbarswohnung. Und von allen Problemen dieser durchaus faszinierenden Häuserschau wird das am größten sein, das danach entsteht, wenn die Kassenhäuschen dicht gemacht haben und die Show vorbei ist.

Es scheint, daß in der Konzeption der "Euro Bau 76" das Schauen den Vorzug erhalten hat vor dem Wohnen. Da hilft es auch nur wenig, wenn Karl Ravens, Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, in seinem Grußwort meinte: "Abgesehen von den dargebotenen interessanten technischen Lösungen gibt die ‚Euro Bau 76‘ zugleich eine Vorstellung davon, wie aus der Sicht des Städteplaners am Rande großstädtischer Ballungszentren trotz einer teilweise dichten Bebauung eine familiengerechte und angenehme Wohnatmosphäre hergestellt werden kann."

So interessant in der Tat die "technischen Leistungen" in der Konzeption der Eigenheime sind, ob in Norderstedt eine "angenehme Wohnatmosphäre hergestellt werden kann", muß angesichts der kurzen Wege von Nachbar zu Nachbar, zwischen Tür und Angel, immerhin bezweifelt werden.