Mit jährlich 72 000 Gästen und 1,4 Millionen Übernachtungen zählt Bad Wörishofen zu den größten Heilbädern in der Bundesrepublik. Hier wirkte einst der berühmte Pfarrer Sebastian Kneipp, dessen Erfolgskur als Patentrezept in viele andere Bäder und Sanatorien exportiert worden ist. Kein Wunder, wenn die Stadtväter von Wörishofen sich heute als Gralshüter der vom Meister überlieferten Regeln fühlen. Sorgsam wachen sie darüber, daß ihre kurenden Gäste von allen neuzeitlichen Gefährdungen verschont bleiben.

Als beispielsweise unlängst der bei Kurt Edelhagen swingerprobte Kapellmeister Peter Grützner mit seinem Kurorchester zu modern aufspielte, wurde er kurzerhand gefeuert. Der Nachfolger erfreut die Heilungssuchenden nun wieder wie gehabt mit Walzern im Dreivierteltakt und Salonstücken aus der guten alten Zeit. Nachdem man schon vor Jahren durch (zweifellos begrüßenswerte) Nachtfahrverbote die Automobile aus 29 Straßen verbannt hatte, ging man jetzt noch einen Schritt weiter: Zwischen 23 Uhr abends und 6 Uhr morgens dürfen sich im gesamten Stadtgebiet nicht einmal mehr Taxis blicken lassen. Womit gleichzeitig dafür gesorgt wurde, daß kein Gast mehr bei einem Dämmerschöpple den Erfolg einer tagsüber absolvierten Rübensaftkur zunichte macht.

Mit ihrer neuesten Schutzaktion jedoch stellen die Wörishofener alles bisher Dagewesene in den Schatten: Die Landwirte wurden jetzt aufgefordert, künftig die Nasen der Gäste nicht mehr durch das Berieseln des Grünlands mit Odel zu verärgern. Sollte das Düngen jedoch unerläßlich sein, dann müßten die Bauern künftig dem wachstumsfördernden Natursaft "dufthemmende Mittel" beimischen.

Dieses Ansinnen hat einen in Bayern fast allmächtigen Gegner mobil gemacht: den Bayerischen Bauernverband. Die Interessenorganisation der Ökonomen protestierte in einem flammenden Leitartikel ihres Organs Landwirtschaftliches Wochenblatt gegen die Anti-Odel-Aktion. Fazit: Einsatz chemischer Dufthemmer nur gegen Kostenersatz aus der Kurtaxenkasse!

Pfarrer Kneipps Kur, eng am Busen der Natur angesiedelt, droht an ihrem Ursprungsort in einem aus Verboten geflochtenen Schutzwall eingemauert zu werden. Während mancher andere Kurort mit Prospektbildern von der agrarischen Umgebung versucht, sich seinen Gästen naturverbunden als "Kuhort" zu empfehlen, will Bad Wörishofen seinen schwarzbunten Vierbeinern eine Grasnahrung zumuten, die naturwidrig mit chemischen Desodorants verfremdet wird. Noch freilich ist der Kampf Natur- gegen Kunstduft nicht entschieden. In Bad Wörishofen könnte es jedenfalls dazu kommen, daß man dem Rindvieh Riechfläschchen umhängen muß, damit es das noch frißt, was ihm die Kurverwaltung angerichtet hat. J. V.