Der Londoner Stadtteil Kensington, einst romantisch-viktorianischer Westend-Vorort, wird zersäbelt durch den siebenundzwanzig Stockwerke hohen Betonturm des Penta-Hotels. Es gehörte viel Verwegenheit dazu, etliche hundert Schriftsteller, Teilnehmer am 47. internationalen PEN-Kongreß, in diesen Touristensilo zu sperren.

PEN (Poets, Essayists, Novelists), aus einer in den zwanziger Jahren von Catherina Amy Dowson-Scott ins Leben gerufenen Tafelrunde hervorgegangen, ist die einzige internationale Organisation von Schriftstellern. Der "Club", ästhetisch-humanen Statuten seines ersten Präsidenten John Galsworthy, des Autors der "Forsyte Saga" verpflichtet, hat sich unter anderem durch seine Bemühungen um eingekerkerte Schriftsteller in aller Welt verdient gemacht. Doch wird es auch für PEN immer schwieriger, sich zwischen West und Ost hindurchzulavieren.

So war es vielleicht Absicht, daß der Londoner Kongreß unter dem nicht eben politisch brisanten Thema "The Truth of Imagination", die Wahrheit der Phantasie, stand. Arthur Koestler lieferte dazu eine vortreffliche Fleißarbeit als Eröffnungsrede. Er vergaß nur, vor den Gefahren einer gegenwartsfeindlichen Haltung zu warnen.

Den Veranstaltern dagegen geriet die Szene schnell zur Kampfarena, in der die nationalen Sektionen des PEN um jeden Fußbreit Meinung kämpften.

Zwar stimmten alle Lager noch der Wahl des neuen Präsidenten zu: Es ist Mario Vargas Llosa aus Peru. Dann aber erschütterten die Delegierten der USA die hochsensibilisierte Atmosphäre durch ihren Appell an alle betroffenen. Länder, Schriftsteller, die "wegen ihrer Ideen und Werke" inhaftiert sind, freizulassen.

In der Resolution wurden mehr als dreißig solche Länder namentlich genannt. Den Delegierten dieser Länder, soweit vorhanden, entlockte das verquälte Verteidigungsreden. Aber auch den

  • Fortsetzung nächste Seite