Man war unter sich, etwa 120 professionelle Philosophen und vielleicht 300 Zuhörer, und man war sich darin einig, gegensätzlich und in der Sache unverblümt zueinander reden zu können. Eine Einigkeit in jeder Sache, eine große und einheitliche Philosophie war nicht beabsichtigt und kam auch nicht zustande.

Die internationale Hegel-Gesellschaft führte den elften ihrer etwa zweijährlich stattfindenden Kongresse durch. Angereist kamen Philosophen aus aller Welt, aus den USA und aus der Sowjetunion und wirklich allen ihren sogenannten Satellitenstaaten, Philosophen also, die man im Westen nur selten zu Gesicht bekommt.

Die Verlegung des Kongresses nach Lissabon wurde vor inzwischen zwei Jahren geplant, zu einer Zeit kurz nach dem Tag der Revolution also, an dem die politische Entwicklung Portugals ihren wesentlich von kommunistischen Impulsen bestimmten neuen Anfang nahm. Der Hegel-Kongreß hätte gut in die damalige politische Landschaft gepaßt. Wie sehr sich das politische Umfeld seitdem geändert hat, zeigte sich an der geringen Beteiligung portugiesischer Zuhörer und dem geradezu vorsichtig veranstalteten gesellschaftlichen Rahmen.

Dieser äußeren Herabsetzung des ursprünglich mit mehr Enthusiasmus begrüßten Kongresses kam dieser selbst entgegen. Allzu häufig wurde Hegel, wie ein Journalist sagte, als Bauchlagen benutzt: Jeder versuchte, aus seiner großen und von der Kraft des Widerspruchs getragenen Philosophie ein passendes Teil für sich herauszusuchen.

Unter dem großen Titel "Idee und Materie" sahen sich viele Referenten legitimiert, schön bei Hegel einen Materialismus nachzuweisen, wie er dann nur noch wenig modifiziert von Marx herausgearbeitet worden sei. Wie in der Vergangenheit schon so häufig, wurde. versucht, aus dem Idealismus der Philosophie Hegels Materialismus zu keltern. Aber es ist einfach verfehlt, innerhalb der Philosophie Hegels Idealismus und Materialismus als Alternative unterscheiden zu wollen. Wenn überhaupt dies Begriffspaar zentralen Sinn haben soll, dann konstituiert sich die Philosophie Hegels nicht von der Alternative, sondern von dem Bezug zwischen Idealismus und Materialismus her.

Genauso eklektisch war es auch, daß ein Teil der Referenten aus dem Ostblock versuchte, die individuelle kommunistische Entwicklung innerhalb Portugals mit dazu eigens präparierter Hegelscher Dialektik abzusegnen und damit behutsam anzudeuten, wie die portugiesische Variante in den Materialismus sowjetischer Prägung hinübergerettet werden könnte.

In ihren stärksten Referaten, zum Beispiel von Theodor Oisermann aus der UdSSR und von Erich Hahn aus der DDR, zeigte sich jedoch die materialistische Philosophie des Ostblocks fast verführerisch undogmatisch und offen.

Norbert Caspar