Von Carl Dahlhaus

Was kann man von einem Buch erwarten, das vierzig Jahre alt ist, zu der ein wenig anrüchigen Gattung der Romanbiographie gehört, zwecks Rettung aus finanzieller Bedrängnis geschrieben wurde, von einer These ausgeht, die eher rhetorisch als mit handgreiflichen Fakten plausibel gemacht wird, und dem Hauptgegenstand, dessen Behandlung es zu versprechen scheint – der Musik nämlich – geflissentlich ausweicht? Um es gleich zu sagen –

Siegfried Kracauer: "Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit", Schriften Band 8; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1976; 382 S., 27 Abb., 28,– DM

ist ein Meisterwerk, das von seiner Anziehungskraft nicht das Geringste eingebüßt hat: einer irritierenden Anziehungskraft, die es den Herz und Verstand bewegenden Widersprüchen verdankt, von denen sowohl die erzählte Geschichte als auch das Verhältnis des Erzählers zu seinem Gegenstand durchwirkt ist.

Kracauer, Philosoph und Soziologe, Romancier und Feuilletonist, griff 1935 in der Emigration zu dem Offenbach-Stoff, weil er einen raschen und sicheren Bucherfolg brauchte, den eine romanhaft ausgestattete (durch Phantasie zwar nicht zurechtgerückte, aber ergänzte) Biographie am ehesten zu verbürgen schien, und weil zudem das Material über Offenbach in Paris lag, wo Kracauer lebte. Daß das Analysieren von Musik nicht sein Metier war, störte ihn wenig (was Theodor W. Adorno, obwohl befreundet mit Kracauer, bitter beklagte). Denn der Gegenstand, auf den er eigentlich zielte, war nicht die Operette als musikalisch-dramatische Gattung, sondern das Kaiserreich Louis Napoleons: die Epoche zwischen den Weltausstellungen von 1855 und 1867, als deren zwiespältiger Reflex die Offenbachiaden von "Orpheus in der Unterwelt" bis "Périchole" erscheinen. Aus dem Geist der Musik dechiffrierte Kracauer den Ungeist des Zeitalters. Die losgelassene Börsenspekulation und der Cancan, das macht er fühlbar, gehören zusammen.

Kracauer, der Emigrant in Paris, fühlte sich hingezogen zu Offenbach, dem Emigranten in Paris. Andererseits verabscheute er das Zweite Kaiserreich, das manche Züge des Reiches vorausnahm, aus dem Kracauer geflohen war. Die Offenbachiade aber fiel nicht nur chronologisch mit der Epoche Louis Napoleons zusammen, sondern war deren Ausdruck: durch Kritik und durch Bestätigung. Der Geist, den sie in Töne faßte, war ein Wühler, um mit Burckhardt zu reden; aber sie bildete auch einen Teil des Glanzes, der über politische Unterdrückung, soziales Unrecht und Gründungsschwindel hinwegtäuschen oder davon ablenken sollte. Die Operette auf der Bühne war die Entlarvung der Operette, die in der politischen Wirklichkeit gespielt wurde. Zu dem Glitzern jedoch, das sie als Vergoldung angemaßter, hohler Größe denunzierte, trug sie andererseits selbst bei. Der Rausch der Operette transportierte eine Satire, die dem herrschenden Zustand an die Wurzel ging, und umgekehrt war die Satire das Vehikel eines Tausches, der die Misere dadurch verlängerte, daß er über sie hinwegtrug. Gerade in der Doppeldeutigkeit und Doppelzüngigkeit aber gedieh ein Werk, das große Kunst war, obwohl es immer nur kleine sein wollte. (Am Ende, in "Hoffmanns Erzählungen", holte der Virtuose der Satire deren Untergründe an die Bühnenoberfläche, und das Frappierende ist, daß es ihm glückte).

In den Paradoxien, die eine als Gesellschaftsbiographie begriffene Offenbach-Biographie zutage treten läßt, fühlte sich Kracauer, der melancholische Liberale, zu Hause. Und daß nahezu jeder Satz in der Schwebe gehalten werden mußte zwischen einer Ironie, die durchaus nicht gutmütig ist, und einer Zuneigung, die dennoch unausrottbar bleibt, macht den Glanz eines Buches aus, dessen Thesen über den Zusammenhang zwischen politischer Hochstapelei und ökonomischer Prosperität anfechtbar sein mögen, dessen Stil aber die Wahrheit über ein Zeitalter ausspricht, in dem die politische Operette, die zusammenbrach, sich in einer musikalischen spiegelte, die überdauerte.