Margaret L. Lyon bezahlte die Rettungsaktion mit dem Leben / Von Bernhard Grzimek

Ich könnte tausend, zweitausend Männer mit Fackeln und Geschrei und Lärm aufbieten, um unsere letzten hundert Elefanten quer durch das Land in unseren Akagera-Nationalpark zutreiben!" so sagte mir der zuständige Minister in dem kleinen zentralafrikanischen Staate Rwanda. "Oder wollen Sie sie geschenkt nehmen? Können Sie sie nicht in zoologischen Gärten unterbringen?"

Er hatte gerade mit angehört, wie ich im Radio seines Landes einen Vortrag über die Rettung der afrikanischen Natur hielt. Ich kannte den Fall schon, hatte ihn hin- und herüberlegt und mußte leider sagen: "Nein, Herr Minister, ich kann Ihnen nur raten, diese letzte Herde abzuschießen."

Sie können sich vorstellen, wie schwer mir das fiel. Eben war ich über die Grenze aus Zaïre, dem früheren Kongo, gekommen und hatte eine aufregende Sache mit einem Elefanten erlebt, die wir aber mehr scherzhaft aufgenommen hatten. Dicht an dem großen Virunga-Nationalpark gehen dort immer wieder Elefanten mitten durch ein großes Fischerdorf am Eduard-See. Sie sind nicht zahm, aber sie kümmern sich nicht um Menschen und gehen mitten zwischen den Häusern hindurch. Mitunter jagen sie die Menge ärgerlich mit hochgeworfenem Rüssel und Gekreisch auseinander, wenn die Leute und die Kinder ihnen beim Trinken am See gar zu nahe kommen. Alles läuft weg, und die meisten lachen dabei.

Natürlich ist das eine wundervolle Gelegenheit, mächtige Elefantenbullen von ganz nahe zu filmen. Mein Kameramann Götz Dieter Plage stellte sein neues Filmgerät auf einen Dreifuß und tat das ausgiebig, mit Vulkan-Bergen im Hintergrund. Wie es nun einmal so beim Filmen geht: Wenn gefährliche Tiere sich das gefallen lassen, rückt man immer wieder noch ein Stückchen näher. Auf einmal aber wurde der Elefant ärgerlich und wollte den lästigen Zudringling verscheuchen. Götz Dieter wollte wegrennen – doch das ging nicht. Er hatte nämlich den Akku umgeschnallt und war durch ein Kabel mit der Kamera verbunden. Die fiel um, aber er konnte sie nicht schnell genug hinter sich herschleifen. Gott sei Dank löste sich das Kabel im letzten Augenblick, Plage rannte ganz schnell davon – und der Elefant war zufrieden. Er beroch die umgefallene Kamera, und hob dann das Bein, um draufzutreten. Es war eine ganz neue, französische Filmkamera, und ich konnte das nun wieder nicht mit ansehen. Deswegen lief ich schimpfend auf den Elefanten zu, er nahm mich an, rannte ein Stück in anderer Richtung hinter mir her und hatte damit die Kamera vergessen.

Im benachbarten Rwanda lagen die Dinge für die Elefanten viel ernster.

Das kleine, gebirgige Land Rwanda im Herzen Afrikas ist nur drei Viertel so groß wie Baden-Württemberg. Rwanda ist heute schon dichter bevölkert als Frankreich, und bei vier Prozent Bevölkerungszunahme im Jahr werden es in knapp zwanzig Jahren weit über dreihundert Menschen je Quadratkilometer sein. Das Land hat keine Eisenbahn- oder Flußlaufverbindung nach außen, keine Industrie, die Wälder sind größtenteils abgeholzt. Weil daraufhin die Bäche versiegen, müssen die Frauen das Wasser auf dem Kopfe von ganz tief unten im Tal bis hoch zu den Häusern oben auf den Bergen schleppen. Schon heute ist ein großer Teil der Bevölkerung unterernährt und hungrig. Das ist das Ergebnis unserer neuzeitlichen Medizin, des Kolonialismus und einer Entwicklungshilfe, die alle nicht verhinderten, daß so viele Kinder geboren werden.