Von Jean Améry

Thomas Mann berichtet in einem Brief, er habe eines Morgens in Kalifornien wahrhaftig gesagt: "Es bekommt wieder wärmer", und setzte in humoristischer Befürchtung hinzu: "Es fehlte nur, daß ich dergleichen noch schriebe."

Bekümmert sagte mir neulich ein hoher Beamter der EG in Brüssel: "Ich lebe nun schon seit Jahren hier; dabei verlerne ich mein Deutsch, ohne daß ich das Französisch richtig erlernte." Der Mann, ein Intellektueller von Statur, der unter anderem auch ein ausgezeichnetes Buch über die Schwierigkeit des deutsch-französischen Verhältnisses geschrieben hat, spricht und schreibt natürlich, wenn wir ausgehen von Konversation und Publizistik, beide Sprachen einwandfrei. Ganz zweifellos aber muß er, da er sich so äußerte, in vertieften Stunden, wenn er allein ist mit sich und den Sprachen, von jenem Gefühl der Unsicherheit und Ausgesetztheit erfaßt sein, das ich nur allzu gut kenne.

Wer in mehreren Sprachen lebt, der ist vielleicht, wie Thomas G. Masaryk gesagt hat, auf vielfältigere Weise Mensch; es kann aber sein, daß er dabei je und je nur Teilmensch ist, denn unweigerlich muß er befürchten, daß ihm der Quell der Ursprungssprache versiegt. Gewiß, die Literatur zeigt uns Beispiele von fast vollkommener Zwei- oder sogar Mehrsprachigkeit: Schickele, Beckett, Nabokov, Joyce, Julien Green seien hier nur ganz willkürlich als Exempel gegeben. Bei anderen sprachlich hochbegabten Autoren haperte es schon. Robert Neumann, der einige seiner Bücher in Englisch schrieb, hat über seine Handhabung der Sprache Shakespeares gespöttelt. Weniger witzige Naturen als Neumann – Klaus Mann etwa – "rangen" mit der anderen Sprache, bezwangen sie vielleicht. Aber ist das Beherrschen, ist die Niederzwingung eines sprachlichen Mediums der schöpferischen Arbeit günstig? Daß Erasmus von Rotterdam lateinisch schrieb und Leibniz französisch, sagt nicht viel: In beiden Fällen waren ja die Fremdsprachen im eigentlichen Wortsinne "Schriftsprachen", linguae francae von hoher Offizialität, hinlänglich formalisiert, darum auch transparent. Quellen mußten nicht gesucht werden; die Sprachen lagen gleichsam gebrauchsgerecht schon vor, es war legitim, sich ihrer so zu bedienen, wie sie es forderten. Das aktuelle Problem ist freilich ganz anders gelagert. Die lingua franca gibt es nicht mehr, und wo es sie gibt, ist sie zumeist nichts anderes als jenes "basic English", das aufgeklärten Teenagern ebenso geläufig ist wie etwa theoretischen Physikern (deutschen, französischen, niederländischen, japanischen), die ihre papers gleich auf englisch niederschreiben.

Dem Schriftsteller aber wird unter Umständen die Mehrsprachigkeit, die ihn zugleich reicher und ärmer macht, zu jener Qual, die jeder gewissenhafte Übersetzer kennt. Überwältigt von der Sprache, aus der er übersetzt, fühlt er, wie ihm die Muttersprache, in die er überträgt, entgleitet. Zuckmayer hat dies einmal sehr hübsch in einem Verschen ausgesprochen, das ich hier aus dem Gedächtnis zitiere: "... Auch scheint’s so was nicht auf deutsch zu geben / Wie, zu seinem Rufe aufzuleben..." Nein, "to live up to one’s reputation" gibt es im Deutschen tatsächlich nicht. Aber warum eigentlich nicht? Und könnte man die treffende Formel nicht in die deutsche Sprache einführen? Bis zu welchem Punkte bereichert man die Mutter-, spräche durch den Zufluß fremden Sprachguts? Und wo liegt die Grenze, von der ab man sie "verhunzt"? Ich weiß es nicht. Gewohnt, mich in vier Sprachen (Französisch, Deutsch, Englisch, Niederländisch) zu bewegen, verfalle ich manchmal im Alltag in ein mir höchst widerwärtiges "Emigrantowatsch": Man muß jetzt die "poubelle" (den Mülleimer) vors Haus stellen; das ganze "set up" ist ein anderes; da gäbe es schon wieder eine Wohnung "te huuren" (zu vermieten). Und erst vor der Maschine, an der Arbeit, grabe ich Stollen zu jenen sehr tief gelagerten Sprachschichten, von denen ich. sagen darf, sie seien meine Muttersprache; und selbst dann noch kann es sich ereignen, daß ich im besten Glauben, es handle sich um ein im Deutschen gebräuchliches Fremdwort, "inexorabel" schreibe, statt einfach und richtig: unbarmherzig oder unerbittlich.

Stupid provinzieller Purismus ist gewiß die rechte Waffe nicht gegen schlampige Nachgiebigkeit. Allein anzustreben ist das Gleichgewicht von Offenheit gegenüber dem förderlichen fremden Zustrom und der Treue zum Ureigenen. Nicht jedem gelingt das so vorbildlich wie einem Heinrich Mann. Aus eng-inniger Kenntnis französischen Sprachgeistes und unversehrter Sprachdeutschheit entstand eine Rede von einzigartigem Glanz. Man folge ihr im "Henri Quatre" oder dem zierlichsten aller Meisterwerke, dem kleinen Roman von "Eugenie oder Die Bürgerzeit". Wer nicht H. M. ist, muß sich begnügen mit dem, was er eben zustande bringt an lebensgefährlichen Balanceakten. Er arbeitet dabei ohne Netz.

Doch soll, wer da immer von den Lebenszufällen an fremde Sprachufer getrieben wurde, nicht klagen. Ist seine Muttersprache das Deutsche, dann bleibt er jedenfalls davor bewahrt, die Tages- und Zeitungssprache auf liederliche Weise nachzuplappern. Er wird also nicht umfunktionieren, nicht hinterfragen, wird keinen Einstieg suchen, nicht über Reizwörter nachdenken und hierbei seinen Denkansatz finden. Ganz auf sich selbst gestellt, muß er aus dem Brunnen der ihm mitgegebenen Ursprungssprache schöpfen und in dieser Arbeit dem Verbum "schöpfen" seinen Doppelsinn verleihen. Hier ist die Sprache nicht Instrument des Gedankens, sondern wird zum Gedanken selber. Die Raster fehlen. Nach klassischem Muster zu schreiben ist unmöglich: Zu schwätzen, wie der Tag es zuträgt, gerät man kaum in Versuchung. Da können denn fremdsprachige Einsprengsel gut und gern in Kauf genommen werden; "inexorabel" mag man vielleicht dem verzeihen, der statt zu hinterfragen nur fragt, nicht einfach, sondern äußerst kompliziert.