Von Hartmut Soell

Ein Vierunddreißigjähriger – der (laut Verlagsprospekt) "noch auf dem Wege ist" – hat im Vorübergehen auch das politische Lebenswerk seines Vaters entdecken wollen, aber nur das gefunden, was er finden wollte. Ein privater Fall? In anderen westlichen Demokratien – wahrscheinlich. In der Bundesrepublik zu anderen Zeiten – möglicherweise. Zu sehr haben sich in unserem Lande in den letzten Monaten Scheinalternativen in die politische Diskussion eingeschlichen, als daß die Schrift des ältesten Sohnes von Fritz Erler,

Hans Erler: "Fritz Erler contra Willy Brandt/Demokratie oder Volksfront in Europa"; Seewald-Verlag, Stuttgart 1976; 208 Seiten, 19,80 DM,

kein Wahlkampf-"Knüller" geworden wäre.

Aus über tausend Zeitungsartikeln, größeren Aufsätzen und Einzelwerken des Vaters hat Hans Erler – soweit, die Belege dies erkennen lassen – kaum mehr als drei Dutzend herausgezogen. Aus den Tausenden von Briefen – von denen einige Hundert politisch bedeutsam sind – zitiert er ein halbes Dutzend. Die Reden Fritz Erlers – zu Hunderten im Parlament sowie auf Bundes- und Bezirksparteitagen gehalten – hat er, von wenigen Ausnahmen abgesehen, fast gar nicht berücksichtigt. Die Quellenbasis also ist dürftig.

Schon dieser erste Eindruck läßt erhebliche Zweifel aufkommen, ob die zentrale These ernstgenommen werden kann, das "politische Erbe" seines Vaters befände sich – entgegen der Aussage Willy Brandts nicht mehr in der Obhut der Gesamtpartei. Gerade der auf dem Mannheimer Parteitag (November 1975) verabschiedete "Orientierungsrahmen ’85" habe aus der SPD eine "marxistische Partei gemacht".

Wer ein politisches Erbe verteidigt, muß es kennen. Daran mangelt es hier. Das beginnt mit der Darstellung der Widerstandstätigkeit des Vaters während des NS-Regimes. Die "Volksfront-Politik", heißt es da, sei "kein Motiv" von "Neu-Beginnen" gewesen (einer illegalen Organisation, in der Fritz Erler bis zu seiner Verhaftung, 1938, tätig war). "NeuBeginnen" habe der NS-Bedrohung eine "offensive antikommunistische Politik" entgegengestellt. Er zitiert hier einen Beitrag seines Vaters aus dem Jahre 1956. Dabei hat Fritz Erler nicht erwähnt – noch war der Kalte Krieg nicht zu Ende – daß "NeuBeginnen" ursprünglich ein (im Vergleich zur "Volksfront") sehr viel weitergehendes Konzept hatte, nämlich durch die Eroberung der Parteiapparate von SPD und KPD von innen heraus die "Einheit der Arbeiterklasse" wiederherzustellen. Dies alles hätte Hans Erler vorhandenen wissenschaftlichen Arbeiten entnehmen können.