Die Verhandlung über die Auslieferung Rolf Pohles bewegt Griechenland. Sind jetzt die Deutschen die Prügelknaben an Stelle der Amerikaner?

Zwei Jahre lang hatten sich die Griechen fast ausschließlich mit ihren eigenen Problemen befaßt; der politische Wechsel am 24. Juli 1974, die türkische Invasion auf Zypern, die Abrechnung mit der Junta, die neue Verfassung und die Konsolidierung des demokratischen Regimes und zuletzt der Ägäiskonflikt beanspruchten ihr volles Interesse. All dies war von massiver, leidenschaftlicher Kritik an den Vereinigten Staaten begleitet, ausgeschmückt mit Geschichten über das "Spinnennetz" und die Allgegenwart der CIA, die fast hinter jedem innen- oder außenpolitischen Mißerfolg stehen muß. Mit den Amerikanern wurde nicht nur die Nato, sondern vor allem die Bonner Regierung identifiziert – Bonn tat das seinige dazu.

Andere Ereignisse in der Welt wurden in den Massenmedien und vom Durchschnittsgriechen kaum beachtet. Auch Veröffentlichungen während der Diktatur über Gewalt und Terrorismus in anderen Ländern als in Deutschland sind mit Skepsis entgegegengenommen worden, weil man die Diktatur verdächtige, sie wolle mit dem Hochspielen solcher Meldungen ihr eigenes Regime der "Ruhe und Ordnung" rechtfertigen – was sie auch in Wirklichkeit tat. Außerdem wurden damals die gegen die Junta kämpfenden Griechen wahllos mit Vokabeln wie "Anarchist" oder "Terrorist" belegt, so daß diese Begriffe mit der Zeit ihre wahre Bedeutung verloren.

So vorbereitet und voreingenommen traf Griechenlands öffentliche Meinung die Meldung von der Festnahme Rolf Pohles in Athen. Die Angst vor Repressalien des internationalen Terrorismus, aber auch die Kenntnis der innenpolitischen Stimmung führten anfangs die griechische Regierung zu der Überlegung, Pohle in das Land seiner Wahl auszuweisen.

Doch die überzogenen Reaktionen der Bundesregierung und ihr unmißverständlicher Hinweis, eine solche Ausweisung würde die deutsch-griechischen Beziehungen schwer belasten, zvang Athen, den Weg des Auslieferungs-verfahrens zu gehen. Denn es steht für die griechische Regierung viel auf dem Spiel: ob der volle Beitritt zur EG, ob der Konflikt mit der Türkei, ob die Zypern-Frage – in all diesen Punkten sind sich die Griechen der Macht der Bundesrepublik bewußt.

Die Bundesrepublik hat die schwierige Situation Athens nicht leichter gemacht. Sie hat bei den mißtrauischen Griechen den Eindruck erweckt, als wolle sie die Entscheidung der griechischen Justiz präjudizieren. Parallel dazu unternahm Bonn keine nennenswerte Anstrengung, die Griechen über die deutsche Position, das Ausmaß und die Gefährlichkeit des Terrorismus in der Bundesrepublik zu informieren. Alles blieb der griechischen Presse überlassen – einer Presse, von der bekannt ist, daß sie in ihrer überwiegenden Mehrheit mangelhaft arbeitet, sich von momentanen Stimmungen in der Bevölkerung beeinflussen, sogar bestimmen läßt.

Bis dahin mit dem Problem des internationalen Terrorismus und der Baader-Meinhof-Gruppe kaum ernsthaft beschäftigt, griff die griechische Presse auf Archivmaterial zurück, hauptsächlich auf Ausschnitte aus englischen und französischen Publikationen. Dabei stieß sie auf die letzte Kritik am "Radikalenerlaß", an der langjährigen Untersuchungshaft und den langwierigen Prozessen, auch auf die Klagen über die Isolationshaft in "weißgestrichenen Zellen, in denen Tag und Nacht das Licht kennt", auf den Hungerstreik-Tod des Holger Meins und schließlich den Selbstmord der Ulrike Meinhof. Jener lautstarken Minderheit der Linksextremisten, die Pohle von Anfang an in Schutz nahm, kam diese Kritik gerade recht.