Der zweite Band der Reihe "transfer" liegt jetzt vor:

"transfer, Bd. 2 Wahlforschung, Sonden im politischen Markt"; Westdeutscher Verlag, Opladen 1976; 250 Seiten, 16,– DM.

Es ist wiederum eine Standardlektüre für Politiker und Journalisten. Der erste hatte aktuelle und grundsätzliche Probleme des Sozialstaats behandelt, der zweite gibt eine gedrängte Darstellung sozialwissenschaftlicher Fakten und Theorien, die zum Verständnis des politischen Systems der Bundesrepublik zu Wahlzeiten, wichtig sind. Manche umstrittene, emotionsträchtige These wird auf ihren nachweisbaren empirischen Gehalt überprüft. Einige Beispiele:

Wolfgang Hartenstein (infas) beschäftigt sich mit "Nutzen und Schaden veröffentlichter Umfrageergebnisse", Sein ernüchterndes Fazit: "Von den veröffentlichten Meinungen geht kein meßbarer Einfluß auf die Wähler aus; selbst wenn es ihn gäbe, wäre er nicht notwendigerweise schädlich; selbst wenn er schädlich wäre, ließen sich die Veröffentlichungen doch nicht verhindern und kontrollieren."

Werner Kaltefleiter (Universität Kiel) analysiert das Ergebnismuster der Landtagswahlen, insbesondere der letzten Legislaturperiode. Sein Befund: eine hohe Mobilität; seine Einschätzung: Regierungswechsel in Bonn ist möglich; seine Warnung: "Die Bundestagswahl 1976 findet unter einer ganz anderen Konstellation statt... aus der Mehrheit von 1973 und 1974 (kann) nicht auf die die von 1976 geschlossen werden."

Professor Elisabeth Noelle-Neumann (Allensbach) entwickelt ihre Theorie der öffentlichen Meinung und schildert jenes merkwürdige Phänomen, daß Menschen, die merken, daß ihre Meinung an Boden verliert, sich mit Äußerungen in der Öffentlichkeit zurückhalten und so einen Prozeß in Gang setzen, der am Ende dazu führt, daß die eine, die herrschende Meinung fest etabliert, "die andere bis auf einen harten Kern, der sie noch vertritt, zurückgedrängt ist". Sie nennt diesen sozialpsychologischen Mechanismus der prophylaktischen Anpassung "Schweigespirale" – eine Theorie, die für die scheinbar unerklärlich defensive Handhabung des Begriffs Sozialismus durch die SPD vielleicht doch eine Erklärung liefern mag.

Wechselwähler und Nichtwähler, Jungwähler und Wählerstrom-Analyse – kaum eines der aktuellen, umstrittenen Themen ist ausgelassen. Sogar eine Gesamtinterpretation des deutschen Parteiensystems wird gewagt. Ursula Feist und Klaus Liepelt sehen dieses System auf dem Weg zur Mitte und breiten eine ganze Serie von Beweisen für diese Theorie aus. Ihre Schlußfolgerung: Wahlen sind im Grunde eine Konkurrenz um die Mitte. Diese positive Interpretation der deutschen Parteienentwicklung hat viel für sich – zumindest als einleuchtendes Erklärungsmodell für die letzten zwanzig Jahre der Bundesrepublik.

Wie weit diese Interpretation trägt, darüber läßt sich streiten. Sie läßt außer acht, daß die Mitte, verstanden als Mittellage des politischen Spektrums, nicht konstant ist; sie berücksichtigt nicht die Innovationsfähigkeit der Parteien, und manche Anhänger dieser Theorie neigen dazu, die Wechselwähler allzu sehr als Inbegriff der auf die Mitte orientierten politischen Vernunft zu begreifen. So einleuchtend diese Interpretation bisher war, so unsicher ist, in welchem Maß sie weiter gilt. Immerhin versucht ein Teil der Union, sie außer Kraft zu setzen. Rolf Zundel