Von Heinz Josef Herbort

Der Empfang war triumphal wie für einen Sieger: Als Marcel Lefebvre, vom Papst aus Amt und Aufgaben suspendierter Erzbischof, am vergangenen Sonntagmorgen in feierlicher Prozession in die Sporthalle des Ausstellungsgeländes von Lille einzog, um entgegen dem Verbot aus Rom eine lateinische Messe zu zelebrieren, erhoben sich die sechstausend dicht gedrängt Sitzenden spontan und applaudierten – eine Reaktion, die sich für gewöhnlich nur im Vatikan beim Einzug des Papstes ergibt. Als, nach fast zweieinhalb Stunden, die Zeremonie zu Ende ging, standen die Tausenden wiederum auf wie ein Mann und sangen die Bekenntnishymne ihrer Kirche mit einer Inbrunst, die an die ersten Katholikentage bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerte.

Der Jubel und die Begeisterung, die hier ausbrachen, die Emphase, die Ausdauer – das alles stand für etwas anderes, das sich frei machte: Er war gewissermaßen die positive Kompensation, das "Endlich" nach all den religiösen Frustrationen, die sich im Laufe der letzten zehn Jahre in ihnen angestaut hatten.

Nein, hatte der Monsignore noch auf dem Weg in die Halle gesagt, und er wird es sogar geglaubt und beabsichtigt haben – nein, das, was sich da gleich ereignen werde, sei kein défi, keine Herausforderung, keine Provokation, sondern eine manifestation de notre foi, eine Kundgebung, eine Darstellung "unseres Glaubens".

Daß es mehr wurde, lag vor allem an den Anhängern. Eine Kleinigkeit war da sehr verräterisch: Statt des für den Empfang eines Bischofs vorgesehenen Wechselgesangs "Ecce sacerdos magnus – Seht, der Hohepriester" sang der Chor die zum Fest Peter und Paul gehörende und auf den Papst übertragene Antiphon "Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam – Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen". Marcel Lefebvre – der neue Papst einer neuen Kirche?

"Benedictus qui venit in nomine Domini – Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn" steigerte der Chor schließlich seine Huldigung. Als der Bischof zu diesen Versen die Stufen zu dem improvisierten Altarpodium emporstieg, stand für manchen seiner Anhänger in der Halle bereits fest, daß der 29. August des Jahres 1976 als das Datum eines Schismas, einer Glaubens- und Kirchenspaltung, festzuhalten sei.

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