München

Die politische Szene reagierte verschreckt. "Hinter der Expansion des Springer-Konzerns nach München stecken politische Absichten", vermutete SPD-Sprecher Emil Werner und fand auch gleich eine Erklärung dafür, daß der Hamburger Verleger in Bayern erst kürzlich mit dem Verdienstorden geschmückt wurde. Während Werner in Springers Münchener Einkaufsaktion das unselige Vorbild des Hugenberg-Konzerns entdeckte, gaben sich die Betroffenen schweigsam. Für sie war der Vorgang nur elf Zeilen wert. In Fettdruck und auf Seite 1 setzten der Münchner Merkur und die Boulevardzeitung TZ ihre Leser am Dienstag letzter Woche davon in Kenntnis, daß Verleger Axel Springer fortan auch in München mitmischen wird.

Münchens Verleger-Senior Felix Buttersack, 76 Jahre alt, trat Springer gegen eine bisher nicht bekannte Millionensumme 24,99 Prozent seiner Anteile am Münchener Zeitungsverlag ab. Womit Springer nun knapper Viertelteilhaber bei der Tageszeitung Münchner Merkur (Auflage 173 000 in 13 Regionalausgaben) und bei der Boulevardzeitung TZ (wochentags 155 000, samstags 229 000 Exemplare) geworden ist. Zu dem partizipiert der Hamburger an der Drittelbeteiligung, die der Münchener Zeitungs-Verlag am Oberbayerischen Volksblatt Rosenheim hält, sowie am Verlag Bayerische Staatszeitung und einer Vertriebsgesellschaft.

Springers Sprung in den Süden irritierte viele. "Bunter wird die Münchener Zeitungslandschaft durch all das nicht werden, höchstens härter ausgeprägt", prophezeite die Süddeutsche Zeitung, deren Kaufangebot Buttersack ausgeschlagen hatte.

Statt dessen griff Springer zu, dessen Kauf offenbar auch politische Überlegungen zugrunde lagen. "Schon bisher", verkündete Merkur-Mit-Verleger Ludwig Vogl seinen Redakteuren, "hat-Herrn Springer der Merkur sehr gut gefallen." In der Tat ist die seit Buttersacks Gründerzeit 30 Jahre lang konservativ ausgerichtete Zeitung in den letzten zwölf Monaten auf strammen Rechtskurs gegangen. Seit das vom Chefredakteurssessel beim Westdeutschen Rundfunk in die Münchener Bayerstraße übergewechselte CDU-Mitglied Franz Wördemann das Blatt vor Jahresfrist wegen des zunehmenden Rechtsrucks wieder verließ, geriet Chefredakteur Paul Pucher in den – für ihn sicher schmeichelhaften – Ruf, in punkto Konservativismus mit Springers Welt gleichziehen zu wollen.

Für den Münchener Zeitungsmarkt wirkt sich all dies kaum negativ aus. Dieses wohl intakteste Kommunikationsfeld der Bundesrepublik teilen sich fünf Tageszeitungen. Wem seine Zeitung nicht genügt, der findet Regionalsendungen im "Bayerischen Rundfunk", Stadtteilinformationen in dem der Süddeutschen Zeitung beigelegten Münchener Stadtanzeiger und in einer Unzahl von Anzeigenblättern sowie Grüße aus dem linken Untergrund mit Hinweisen auf Jaß und preiswertes Essen im 14tägig erscheinenden Blatt. "In München", so folgert – ein Kenner, "beherrschen die Zielgruppenzeitungen den Markt."

"Panik und Dramatik sind nicht am Platze", so beschwichtigt Hugo Deiring, der Geschäftsführende Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Und Udo Flade, der Chefredakteur der Abendzeitung, meint, Springers Einstieg in München werde zwar neue Akzente im Konkurrenzkampf setzen. Das könne aber – zumindest für den Leser – auch seine guten Seiten haben. Dem mit Sicherheit zunehmenden Druck von rechts will keiner nachgeben. "Wir werden deswegen keinen Anpassungsjournalismus machen", sagt der SZ-Chefredakteur, der einräumt, so mancher Plan zur weiteren Verbesserung des Blattes werde nun wohl schneller realisiert. Und auch Flade gelobt, die Abendzeitung werde trotz Springer ihrer "liberalen Linie weiterhin treu bleiben".

Gefahr vom neuen Partner droht jetzt der TZ. Deren Redakteure befürchten, daß "die noch liberale Tendenz" des Blattes dem neuen Partner zum millionenträchtigen Einstieg als Opfer dargebracht wird. Daß ihre Skepsis begründet ist, durften sie schon am Tag der elfzeiligen Verlautbarung erfahren. Als sie den Mitverleger Vogl in der Redaktionskonferenz fragten, ob nun eine Änderung der Tendenz des Blattes bevorstehe, wollte der sonst nie um eine Antwort verlegene Herausgeber "weder mit Ja noch mit Nein" antworten. Statt dessen verkündete er wenig später der Merkur-Redaktion, für sie werde es künftig mehr Platz und mehr Leute geben. R. H.