Letzte Woche erfuhr das holländische Volk die Wahrheit über den Lockheed-Skandal. Die Regierung warf dem Prinzen Bernhard vor, er habe dem Staat geschadet. Daraufhin legte der Prinzgemahl alle öffentlichen Ämter nieder.

Von Stephen Fay

Den Haag Ende August

Der holländische Ministerpräsident Joop den Uyl hat durch seine kluge Behandlung des Skandals um Prinz Bernhard sowohl seine Koalitionsregierung als auch die holländische Monarchie über den ersten Schock hinweggerettet. Freilich rollt jetzt eine zweite Schockwelle auf das holländische Volk zu. Immer mehr Leute werden Gelegenheit haben, den vollständigen Bericht der Untersuchungskommission zu lesen, der bereits ein Bestseller ist. Wie bei Watergate werden auch hier erst die Einzelheiten und die Wortlaute die ganze Schlüpfrigkeit der hochangesiedelten Missetaten entlarven.

Die Kommission unter dem Vorsitz des angesehenen konservativen Richters Andreas Donner publiziert zum Beispiel – unbeschadet ihrer Vorbehalte gegenüber dem Beweiswert – Faksimiles aus dem Tagebuch des Lockheed-Bevollmächtigten Ernest Hauser, damit sich die Holländer selber ein Urteil bilden können. Darin finden sich Äußerungen wie: "Bernhard sitzt dran wie ein Blutegel", "SKH (Seine Königliche Hoheit) drückt unheimlich" oder "Gerritsen (von Lockheed) hat SKH im Hintern sitzen, und er will alles haben. Dieser Bastard." Solche Eintragungen verteilen sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten heimlicher Geschäftemachern.

Bereits 1959 erwog das Lockheed-Management ernsthaft, dem Prinzen auf Vorschlag seines Kriegskameraden Fred Meuser einen Jetstar zu schenken. Meuser war bei der holländischen Luftfahrtgesellschaft KLM ausgeschieden, um als Verkäufer für Lockheed zu arbeiten. Die Geschenkidee wurde auch vom Vorstandsvorsitzenden Gross, ebenfalls einem persönlichen Freund des Prinzen, befürwortet, ließ sich dann aber aus rechtlichen Gründen nicht verwirklichen.

Nicht restlos aufgeklärt wird in dem Bericht die 1,1-Millionen-Dollar-Affäre, in die ebenfalls Meuser tief verstrickt war. Er bediente sich der Dienste eines Schweizer Anwalts und Studienfreunds namensWeisbrod. Dem wurde, auf Grund eines Beratervertrages, in den Jahren 1960, 1961 und 1962 eine Million in drei Raten ausgezahlt. Das Geld überwies er auf das Konto des alten russischen Obersten Patschulischew, der viele Jahre dem königlichen Haushalt angehört hatte.