Von Dietrich Strothmann

Zwei Jubiläen verzeichnet der weltpolitische Kalender dieser Woche – Jubiläen ohne Jubel: Vor einem Jahr schlossen Ägypter und Israelis mit Kissingers Hilfe den zweiten Sinai-Pakt; vor sieben Jahren fegte der damals blutjunge Hauptmann Muammar al-Ghaddafi in Libyen das Senussi-Regime des greisen Königs Idris II. hinweg. Doch weder der Ägypter Sadat noch der Libyer Ghaddafi haben Grund zum Feiern. Im Gegenteil: Sie müssen voreinander auf der Hut sein. Seit Sadat Israel nicht mehr durch Krieg, sondern durch Verhandlungen bezwingen will, schimpft Ghaddafi ihn einen Verräter im Dienst des Zionismus und Imperialismus, und seit der Libyer dem Ägypter Bombenleger und Agenten nach Kairo schickt, nennt der ihn einen Verrückten und läßt 30 000 Soldaten an der Grenze zum Nachbarstaat aufmarschieren.

Seitdem im Libanon Freunde und Feinde die Fronten wechselten, der Syrer Assad die Christen, Sadat die Palästinenser unterstützen, hat sich die Welt an noch mehr Wirren in Arabien gewohnt – auch daran, daß sich der Ägypter und der Libyer nun gegenseitig ans Leder wollen, obwohl sie noch vor ein paar Jahren eine Verschmelzung ihrer beiden Staaten in einem Staat anstrebten; oder daran, daß Ghaddafi noch 1971 den sudanesischen Staatschef Numeiri vor einem kommunistischen Putsversuch rettete, ihn letzten Juli aber mit Hilfe bezahlter Söldner beseitigen wollte.

Die "verrückte" arabische Welt – und mitten drin der "verrückte" Muammar al-Ghaddafi? Schon bald nach seiner Machtübernahme verkündete er in voreiliger Selbstüberschätzung: "Ich fühle, daß die arabische Nation eine Botschaft an die Welt gebiert, an eine Welt, die gerade heute dieser Botschaft dringend bedarf" – einer Botschaft in Blei gegossen?

Das Bild des "Bruder Oberst", der vor 34 Jahren in einem Beduinenzelt in der Weite der Großen Syrte geboren wurde, schwankt in der kurzen Geschichte seiner Herrschaft. Erstaunlich ist immerhin, daß er sich entgegen vieler Voraussagen so lange an der Macht halten konnte. Von den zehn Offizieren, die am 1. September 1969 die Revolution anführten, sind heute nur noch vier im Amt. Unbestritten ist auch, daß er dank der Öleinkünfte in Höhe von rund 20 Milliarden Mark jährlich den zwei Millionen Libyern Wohlstand und sozialen Fortschritt beschert hat.

Mit seinen hochfliegenden panarabischen Träumen indessen erlitt Ghaddafi stets Schiffbruch. Weder kam die Dreierföderation mit Ägypten und Syrien zustande noch der Zusammenschluß erst mit Ägypten, dann mit Tunesien. Weder vermochte sich Ghaddafi mit bombastischen Versprechungen als Nachfolger Nassers zu etablieren, noch gelang es ihm, mit Bomben Widersacher aus dem Weg zu räumen oder Krisen wie die libanesische aus der Welt zu schaffen.

Auch die Terroristen, die er mit Millionensummen finanziert – in Irland; in Eritrea, auf den Philippinen, im Tschad oder in Marokko – haben ihm nicht den Pfad bereiten können, auf dem er als Prophet der "Dritten Lösung" zwischen Kapitalismus und Kommunismus wandeln könnte, mit seinem "Grünen Buch" in der Hand. Darin hat er seine verworrene Philosophie über die "wahre Demokratie" niedergelegt: "Das Grüne Buch stellt die endgültige Lösung des Problems des Regierungsinstruments dar. Es zeigt den Menschen den Weg aus den Zeiten der Diktatur in die Zeiten der wahren Demokratie."