Ver noch, immer nicht von der Gefährlichkeit der Sexualstraftäter überzeugt ist, dem erteilt die bundesdeutsche Kriminalpolizei jetzt energische Nachhilfe. Sie eröffnete ein neues Kapitel der Kriminalgeschichte mit der Feststellung, "daß bei uns jährlich fast 100 000 Kinder zwischen 7 und 14 Jahren sexuell mißbraucht werden. Seelisch geschädigt. Körperlich verletzt. Und manchmal ermordet." Dieses bedrohliche Bild von der bundesrepublikanischen Kinderwelt finden besorgte Eltern in einem Aufklärungsheft, das seit einigen Wochen an Zeitungskiosken für 1,50 Mark erhältlich ist. Es trägt den – angesichts des finsteren Inhalts beinahe unpassenden – Titel "Hab keine Angst" und weist sich als "Broschüre gegen den sexuellen Mißbrauch von Kindern" aus. Als Herausgeber zeichnet das Innenministerium von Baden-Württemberg verantwortlich – allerdings "im Auftrage der Innenminister/-Senatoren des Bundes und der Länder".

Die Broschüre im DIN-A 5-Format, 32 Seiten stark, will laut Vorwort den Eltern "aus dem Schatz der Erfahrungen" von Kriminalpolizei und Sachverständigen Hinweise geben für ein aufklärendes und vorbeugendes Gespräch mit ihren Kindern. Der Kölner Psychologieprofessor Udo Undeutsch, der die Autoren wissenschaftlich beraten hat, versichert den Leser: "Wer so oder ähnlich mit seinen Kindern spricht, macht es gut, gibt ihnen Hilfe, Schutz und Sicherheit."

Trotz solcher Versprechungen aber ist die Schrift eher unheimlich – und unverkennbar dafür geeignet, Verwirrung in deutschen Familien zu stiften, Angst im Lande zu verbreiten und genau das Gegenteil ihrer eigentlichen redlichen Absichten zu bewirken: Sie ist prädestiniert, Hysterie zu wecken und Vorurteile zu verstärken.

Die fatale Wirkung der Broschüre beruht auf einer Reihe von teils bewußten, teils einfach fahrlässigen Falschinformationen. So ist etwa die Angabe von jährlich 100 000 Sexualdelikten an Kindern schlichtweg irreführend. Hier handelt es sich, was jedoch verschwiegen wird, lediglich um eine Schätzung der Dunkelziffer. Die Wirklichkeit, zum Glück, sieht anders aus.

Nach der bundesdeutschen Kriminalstatistik kamen 1975 insgesamt 14 546 vermeintliche Sexualdelikte an Kindern zur Anzeige. Davon konnten 9975 Fälle (69 Prozent) aufgeklärt Werden. An schweren Sexualdelikten registrierte das Bundeskriminalamt im vergangenen Jahr 326 Fälle, sowie sieben vollendete und zwei versuchte Sexualmorde. Und 1974 gab es 15 318 Anzeigen, von denen 10 246 (67 Prozent) aufgeklärt wurden. Insgesamt wurden 1974 2621 Täter wegen sexueller Delikte an Kindern verurteilt.

Die übertrieben pessimistische Schätzung auf 100 000 Fälle ist vor allem auch irreführend im Hinblick auf die tatsächlichen Gefahren, die Kindern in unserer Gesellschaft drohen. So wurden beispielsweise 1970 in Hamburg 926 Kinder von Sexualtätern belästigt, ein Kind fiel einem Sexualmord zum Opfer. Im gleichen Zeitraum wurden jedoch 40 Hamburger Kinder im Straßenverkehr getötet und 2594 zum Teil erheblich verletzt. Und im selben Jahr wurden allein in Hamburg 36 Kinder – von ihren Eltern schwer mißhandelt, acht sogar erschlagen.

Die Broschüre geht, in ihrem pädagogischen Diletantismus kaum noch zu übertreffen, ebenso unbeholfen wie fahrlässig mit vermeintlichen Patentrezepten um, durch die den Kindern Vorsicht und Mißtrauen gegenüber potentiellen Sexualtätern vermittelt werden soll. Erhebliche Schwierigkeiten bereitet den Verfassern dabei offensichtlich der Umstand, daß die meisten Sexualtäter eben nicht wie in den kolportierten Beispielen sogenannte "Fremdtäter" sind, die das Kind unvermittelt ansprechen. Mindestens die Hälfte der Täter sind in Wirklichkeit gute, alte Bekannte aus der unmittelbaren Nachbarschaft, oft sogar Familienmitglieder.