Von Arthur Koestler Arthur Koestler: Die Wahrheit der Phantasie – Eröffnungsrede zum Londoner PEN-Kongreß

Das Thema dieses Kongresses ist eine recht obskure Stelle ihr einem Brief, den John Keats im Jahr 1817 an Benjamin Bailey geschrieben hat; sie lautet: „Gewiß bin ich einzig der Neigungen des Herzens und der Wahrheit der Phantasie...“

Das hört sich nicht gerade sehr einleuchtend an. Es hilft auch nicht weiter, ein Echo jener Stelle in den berühmten Schlußzeilen der „Ode auf eine griechische Urne“ wiederzufinden, die Keats zwei Jahre später schrieb: „,Schönes ist wahr und Wahres schön – dies ist,/Was ihr auf Erden wißt, mehr frommt euch nicht.“

Kein Zweifel, schön sind die Zeilen; aber sind sie auch wahr? Ich denke, sie sind es; aber das Verhältnis von Wahrheit und Schönheit, oder allgemeiner zwischen Wissenschaft und Kunst, ist ein altes und heikles Problem, und ich kann hier nur einen seiner Aspekte streifen.

Es ist behauptet worden, daß das Wesen der wissenschaftlichen Entdeckung darin bestehe, eine Analogie zu bemerken, die noch kein Mensch bemerkt hat. Als William Harvey den Blutkreislauf entdeckte, indem er plötzlich das bloßgelegte Herz eines Fisches als eine Art unsauberer mechanischer Pumpe sah, bemerkte er eine Analogie, die keiner vor ihm bemerkt hatte; und als König Salomon im „Hohen Lied“ Sulamiths Hals mit einem elfenbeinernen Turm verglich, tat er das gleiche. Welten scheinen zwischen den beiden Entdeckungen zu liegen, doch der psychologische Prozeß folgt beide Male dem gleichen Muster: Ein vertrautes Ding oder Ereignis wird in einem neuen, unvertrauten, enthüllenden Licht wahrgenommen – als sei dem Auge plötzlich der Star gestochen worden. Dieser Prozeß liegt sowohl der Kunst der Entdeckung als auch den Entdeckungen der Kunst zugrunde; ich habe für ihn den Begriff „Bisoziation“ geprägt, um ihn von der gewöhnlichen Routine der Assoziation auf ausgetretenen Wegen zu unterscheiden.

Bisoziation bedeutet einen plötzlichen Sprung der schöpferischen Phantasie, der zwei bis dahin unverbundene Ideen, Beobachtungen, Warnehmungsgefüge oder „Gedankenuniversen“ in einer neuen Synthese verbindet.

Die bescheidenste Art der Bisoziation ist das Wortspiel – zwei Gedankenstränge, die zu einem akustischen Knoten verknüpft werden. Doch auch der Reim ist nicht mehr als ein veredeltes Wortspiel, bei dem der Klang der Bedeutung Resonanz verleiht. Wenn Rhythmus und Versmaß in die Sprache eindringen, bringen sie ein Echo der Schamanen-Tamtams mit und „schläfern den Sinn in eine wache Trance“, wie Yeats sagte; während in der Metapher eine sprachliche Feststellung durch die Überlagerung mit einem visuellen Bild eine zusätzliche Dimension gewinnt.