Der Niedergang des amerikanischen Wirtschaftsreiches hat schon begonnen

Von Robert Heller und Morris Willat

Alle Reiche nähren hinter ihren hübschen Fassaden die Kräfte ihres eigenen Niedergangs. Aber nur wenige begannen im Innern so rasch, aber unmerklich zu zerfallen, wie das glänzende amerikanische Wirtschaftsimperium, das sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg über Westeuropa ausdehnte, als der Kontinent verwüstet war und die Vereinigten Staaten über eine Fülle von Macht und Glanz geboten wie vorher nur Rom auf dem Höhepunkt seiner Geschichte.

Nur 25 Jahre nach dem Triumph, der diesem Höhepunkt voranging, befindet sich das amerikanische Reich schon wieder auf dem absteigenden Ast. Die Zeit der rundlichen amerikanischen Geschäftsleute, die sich die Karikaturisten nur mit dicken Brillen, grauen Flanellanzügen und bauchigen Aktentaschen vorstellen konnten, ist vorüber. Aber viele – nicht nur aus dem eigenen Lager – können einfach nicht glauben, daß die Tage der Vorherrschaft dieses Reiches schon vorbei seien. Schließlich war darauf auch niemand intellektuell vorbereitet. Erst in den sechziger Jahren hat der bekannte Historiker der amerikanischen Invasion in Europa, Jean-Jacques Servan-Schreiber, sein viel gelesenes Buch "Le Défi Américain" veröffentlicht. Weit davon entfernt, den amerikanischen Rückzug vorherzusagen, lautete seine These, daß sich die Eindringlinge alles, die staatlichen Souveränitäten in Europa eingeschlossen, Untertan machen würden.

Die Quintessenz der "Amerikanischen Herausforderung", die entmutigende Voraussage nämlich, daß in rund 15 Jahren nicht Europa, sondern die amerikanische Industrie in Europa nach den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion die dritte Industriemacht der Welt sein würde, wurde allgemein akzeptiert. Auch heute noch sind manche Bastionen des amerikanischen Wirtschaftsreiches von eindrucksvoller Stärke und Solidität, so daß nur wenige Servan-Schreiber-Leser bemerkt haben, wie nachdrücklich die Ereignisse seine Thesen Lüge gestraft haben.

In den Jahren nach der "Herausforderung" hat ein europäisches Europa die sogenannten multinationalen Amerikaner im internationalen Geschäft überflügelt. In den früheren siebziger Jahren haben europäische Firmen eine bemerkenswerte Wendung vollzogen und amerikanische Unternehmen in Amerika aufgekauft. Sie taten es nicht mit jenem, kecken Schwung wie die amerikanischen Herausforderer in Europa, aber der wachsende Einsatz reicht aus, einen Teil des Gleichgewichts wiederherzustellen, das verloren gegangen war, als sich die Neue Welt zum Aufkauf der Alten anschickte.

Jede Geschichtsschreibung, die sich mit der Gegenwart beschäftigt – und "Le Défi Américain" gehört in diese Kategorie –, steht in der Gefahr, nicht nur durch zukünftige Ereignisse, sondern auch durch unbemerkte gegenwärtige überholt zu werden. Noch während das Buch eine intellektuelle Stütze für Charles de Gaulles instinktiven Antiamerikanismus lieferte, und seine Thesen auf Cocktailpartys diesseits und jenseits des Atlantik Gesprächsthemen waren, hat die Geschichte seine wahre Fortsetzung schon geschrieben: die amerikanische Niederlage.