Den Haag, Ende August

Der Fraktionsvorsitzende der "Antirevolutionären Partei", Aantjes, sagte, worauf es jetzt vor allem ankomme: "In den vergangenen Jahrhunderten hat das Haus Oranien dem niederländischen Volk immer wieder seine Treue bewiesen, nun ist es an der Zeit, daß das Volk diese Treue erwidert." Als Sofortmaßnahme empfahl er, für die Königin zu beten.

In der außerordentlichen Debatte des niederländischen Parlaments, das sich am Montag mit den Verfehlungen des Prinzen Bernhard befaßte, waren noch öfter ähnliche Töne zu hören – und sie wurden keineswegs belächelt. Wer an nüchterne, harte Parlamentsdebatten gewöhnt ist, besonders wenn es sich um so schwerwiegende Vorwürfe wie Bestechung handelt, dem muß die Art, wie Hollands Volksvertreter über den königlichen Skandal diskutierten, seltsam fremd und unwirklich erscheinen.

Doch war diese Debatte keineswegs ein Anachronismus, der plötzliche Ausbruch in religiöse, ja beinahe mystische Sphären, kein Ausfluß vernebelter Gehirne. Wenn es um das Haus Oranien geht, lassen die Holländer eben jeden Pragmatismus, jede Pfeffersackmentalität fahren. Davon sind die regierenden Sozialisten ebensowenig ausgenommen wie die Kommunisten.

Selbstverständlich wollte die Regierung den Uyl auf jeden Fall eine Staatskrise vermeiden. Aber das erklärt nicht die Einmütigkeit, mit der 148 von 150 Parlamentariern unter klarer Beugung des niederländischen Rechtes auf eine strafrechtliche Verfolgung des Prinzen Bernhard verzichtet haben.

Die Politiker erwiesen sich vielmehr in einem besonderen Sinne als echte Volksvertreter. Denn die Bevölkerung der Niederlande hängt an ihrem Königshaus in einer fast unkontrollierten Zuneigung. Das hat viele Gründe. Das Haus Oranien ist für die Niederländer das Symbol nationaler Einheit. Der Staat, der erst 1815 durch einen Beschluß des Wiener Kongresses entstand, in dem es auch heute noch mehr als 200 Sekten gibt, in dessen Parlament 16 Parteien vertreten sind, hat sonst kaum ein einigendes Band. Im calvinistisch und pietistisch geprägten Holland, wo Eigenbrötelei beinahe als Tugend gilt, können die politischen Parteien das Königshaus nicht ersetzen.

Die holländische Monarchie ist aber nicht nur eine hehre Einrichtung, sie gehört sozusagen auch zum Alltag. Nicht zufällig benimmt sich die königliche Familie im Lande der offenen Fenster wie die Nachbarn von nebenan. Nur so ist zu verstehen, daß die Schuld, die Prinz Bernhard auf sich geladen hat, von den meisten Holländern nicht als ein Verrat am Staate aufgefaßt wurde, sondern eher als die Verfehlung eines Verwandten, den man schützen muß.