ZDF, Sonntag, 29. August: "Angst" von Adolf Holl

Was bitterer Ernst sein sollte, präsentierte sich auf dem Bildschirm als eine Klamotte: ein Grusical von verwegener, wenngleich unfreiwilliger Komik. Da saß ein bedauernswerter Akteur in einem geschlossenen Raum. Hinten rechts: die weiße Puppe – ein Mediziner mit dem Stethoskop. Hinten links: die schwarze Puppe – ein Pfarrer mit seinem Gebetbuch. Im Vordergrund, an einem kahlen Tisch, der Schauspieler mit seinem Text. Und was für einem Text! "Ich bin der Angstmann. Ich stelle die Angst dar. Schon beginnen sich an mir die vertrauten Symptome zu zeigen. Ich schwitze. Mein Herzschlag geht schneller. Von meinem Magen fühle ich einen süßlichen Geschmack nach oben steigen. Gern würde ich jetzt urinieren. Ja, ich werde mir eine Erleichterung verschaffen." (Der Schauspieler verschwindet im Hintergrund.)

So ging das eine halbe Stunde lang. Der Angstmann schwitzte, fühlte sich den Puls und stellte Fragen im Jedermann-Stil: "Herr Pfarrer, habe ich eine Seele?" (Die – selbstgegebene – Antwort lautete: Ja.) "Herr Doktor, habe ich eine Seele?" (Antwort: Nein.) Der Angstmann pinkelte und "verrichtete", wie er das nannte, sein Gebet: Die Minuten verrannen, der Pulsschlag des Patienten sank von 110 auf 84 – das einzige Ergebnis eines Monologs, der sich anhörte, als ob ein Schauspieler 2000 Sekunden lang nichts weiter täte als die Seiten eines skurrilen Lehrbuchs der Psychiatrie von rechts nach links zu bewegen.

Doch damit noch nicht genug. Die Komödie hatte einen zweiten Teil – und der war dem ersten durchaus adäquat. Unter der Leitung eines konfusen Moderators, dessen bedeutendste Leistung an diesem Abend in einem genialen Versprecher bestand (Der Christ, sagte er, habe einen "Zündschlüssel" in seinem Glauben; gemeint war "Sinnschlüssel"), unter der Ägide eines Moderators, der die Sentenz prägte: "Die Angst ist nicht mit dem Skalpell der Ideologie wegzuoperieren", diskutierten zwei Theologen (darunter der Autor) und eine Ärztin um das Thema "Angst und Kirche" herum. Kein Freud war ihnen begegnet.

Der Unterschied zwischen psychischer und biologischer (Angst als Mittel, der Arterhaltung), positiver und negativer (Angst kann schließlich lebensrettend sein: Ein angstloses Subjekt geht zugrunde) unbewußter und bewußter, gegenständlicher und gegenstandsloser Angst, zwischen der Angst und den Phobien, zwischen Angstanfall (mit körperlichen Symptomen) und ängstlicher Befindlichkeit, zwischen gesellschaftlich und individuell bedingter Angst... nichts von alledem, außer ein paar Beiläufigkeiten. Nichts von den besonderen, durch soziale Zwänge verursachten Ängsten: den Ängsten im Schatten der politischen, religiösen, familiären Autoritäten ... der Angst im Zeichen des Vaters, des Unternehmers, des Staates und der Kirche mit ihrem Dämonenkult und ihrem raffinierten, der Beförderung des Gehorsams dienenden Angstapparat.

Welch ein Thema: die Angst und die Ängste in unserer Zeit. Welch eine gewaltige Literatur: von Kirkegaard bis Heidegger, von Freud bis Kant. Und dann eine solche Diskussion! Eine Debatte, in der man sich, bar aller theoretischen Fundierung, sprunghaft und unpräpariert über die künftige Ausbildung der Theologen, über Firmungs-Probleme und die Begegnung zwischen Nervenärzten und Theologen erging.

Ein Beitrag zum Thema Angst? Nein, eine Unverfrorenheit! Momos