Von Brigitte Zander

Für Europas Stewardessen bedeutet das Jahr ’76 ein entscheidendes Datum im zähen Kampf um die Gleichberechtigung. Ihre belgische Kollegin Gabrielle Defrenne erzwang jetzt vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg ein Präzedenzurteil, das den fliegenden Damen endlich ein genauso langes Berufsleben einräumt wie den Männern an Bord: Laut Richterentscheid muß künftig auch über den Wolken der Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter praktiziert werden. Frau Defrenne hatte sich dagegen gewährt, daß sie nach ihrem 40. Geburtstag als Bordstewardeß nicht mehr erwünscht war, während ihre männlichen Kollegen bis zum üblichen Pensionsalter weiterfliegen dürfen.

Damit ist der Beruf der Stewardeß deutlich aus seinem ehemaligen Glamour-Dasein herausgewachsen und zu einer lebenslänglichen Arbeits- und Verdienstmöglichkeit für weibliche Wesen geworden. Auch betagte Mütter dürfen in die Jet-Küchen.

Daß das Image vom Mannequin-Dasein – umflutet vom verlockenden Duft der großen weiten Welt – schon vor einigen Jahren zu bröckeln begann, beweisen u. a. auch die Werbekampagnen der Deutschen Lufthansa, die Jahr für Jahr neuen Nachwuchs an flugfähigen jungen Damen sucht. Kisten voller Bewerbungsschreiben gibt es nicht mehr. Qualifizierte Interessentinnen sind Mangelware geworden, seit der Bedarf an Bordkellnerinnen mit dem Flugzeugpark gestiegen ist und es sich unter den Schulabgängerinnen herumgesprochen hat, daß der siebte Himmel im Arbeitsleben nicht unbedingt in der engen Kabine eines Flugzeugs liegt. Immerhin muß man in einer vollbesetzten Maschine oft genauso schuften wie eine erdgebundene Kellner-Crew in einer Ausflugsgaststätte am Wochenende. Und entgegen den filmüblichen Traumjob-Vorstellungen gehören Hochzeiten mit millionenschweren Passagieren nicht zum Stewardessen-Alltag.

Um die Bewerberliste für das fliegende Gewerbe zu vergrößern, hat die Lufthansa ebenso wie andere internationale Airlines längst Abstriche an den früher so gestrengen Auswahlprinzipien gemacht. Der Passus "Schönheit" ist in der gegenwärtigen schriftlichen Fixierung gar nicht zu finden. Eine Brille stellt keinen Hinderungsgrund mehr für eine Karriere am Himmel dar; und auch die Maße müssen nicht denen eines ausgehungerten Fotomodells gleichen. Selbst hochgeschraubte Bildungsideale schrumpften mit wachsender Ernüchterung über den Traumjob. Und falls eine ausgebildete Stewardeß nach den ersten Flugstunden im Hafen der Ehe landet, ist das bei vielen Fluggesellschaften kein Kündigungsgrund mehr.

Geblieben sind die alten "Größenordnungen". Die Kabinenkellnerinnen dürfen bei der Lufthansa nicht kleiner als 1,60 Meter und müssen dementsprechend proportioniert sein. Als Leitmaß gilt die Formel: Die Größe (in Zentimetern) über einen Meter minus zehn Prozent gibt das Idealgewicht in Kilo an. Bei der Lufthansa liegt das Einstellungsalter zwischen 19 und 26 Jahren, bei der holländischen KLM beispielsweise geht man sogar bis 28, bei anderen Airlines manchmal selbst bis 30 Lebensjahren. Als Wissensgrundlage für den Dienst über den Wolken werden normalerweise ein mittlerer Bildungsweg sowie die Kenntnis in Englisch und einer anderen Fremdsprache verlangt.

Nach einer siebenwöchigen Ausbildung beginnt das Tarifgehalt für die jettende Bedienung mit 1780 Mark und steigt bis zum elften Flugjahr auf 2810 Mark an. Als größter finanzieller Anreiz gelten zudem die Flugzulagen und Tagesspesen sowie die Chance, einmal zur sogenannten "Purserette", zur Kabinenchefin, mit einem Gehalt von 2900 bis 3600 Mark aufzusteigen. Bei vielen internationalen Fluggesellschaften allerdings harren die Damen normalerweise ihr Fliegerleben lang auf der unteren Kellnersprosse aus, befehligt von einem Bord-Oberkellner männlichen Geschlechts. Erst kürzlich führte eine amerikanische Stewardeß einen Musterprozeß gegen die diskriminierende Personalpraxis ihrer Luftverkehrsgesellschaft, weibliche Wesen nie zum Purser aufsteigen zu lassen.