In welchem Land wird das beste Eishockey gespielt? Für den Fußball wird diese Frage alle vier Jahre bei Weltmeisterschaften entschieden. Im Eishockey gibt es sogar jedes Jahr Welt-Titelkämpfe. Dennoch bleibt umstritten, wem nun der erste Rang gebührt. Um so größer ist nun die Spannung vor dem Turnier um den Kanada-Cup, das heute in Ottawa gestartet wird und bei dem innerhalb von 16 Tagen mit Kanada, den USA, der Sowjetunion, der ČSSR, Schweden und Finnland erstmals die sechs stärksten Mannschaften der Welt mit ihren besten Spielern gegeneinander antreten. Es ist zugleich die erste große Konfrontation zweier Eishockey-Welten, bestehend aus dem europäischen Amateur- und dem nordamerikanischen Profi-Lager. So gesehen beginnt mit dem Kanada-Cup eine neue Eishockey-Epoche.

Als Geburtsstunde dieser Sportart gilt das Jahr 1850. Kanadische Studenten machten Eishockey auch auf dem alten Kontinent bekannt. Dort fand 1910 die erste Europa-Meisterschaft statt. 1920 wurde das erste olympische Eishockey-Turnier, und zwar in Antwerpen, ausgetragen, 1924 der erste Amateur-Weltmeister ermittelt. Inzwischen hatte sich dieser Sport in Nordamerika schon weitgehend professionalisiert.

Bereits 1928 wurde die erste Klub-Meisterschaft um den sogenannten Stanley-Cup entschieden, deren Gewinner in Nordamerika noch heute als die wahren Weltmeister angesehen werden. 1954, trat die Sowjetunion zum erstenmal bei einer Amateur-Weltmeisterschaft auf, siegte auf Anhieb und machte Kanada in der Folgezeit den Ruf der stärksten Eishockey-Nation streitig.

Bis zu dieser sowjetischen Premiere im internationalen Eishockey gab es keine Zweifel: Natürlich wurde in Kanada das beste Eishockey gespielt. Die Kanadier gewannen 18 Amateur-Weltmeisterschaften, die letzte davon 1961, und sechs olympische Goldmedaillen. Dabei konnten sie es sich leisten, die jeweils stärkste Amateur-Vereins-Mannschaft aufzubieten.

Die weitaus besseren Berufsspieler aber verdienten ihren Lebensunterhalt in Profi-Klubs. Eishockey ist in Kanada längst zu einer Unterhaltungs-Industrie mit Millionen-Umsätzen geworden, in der Bedeutung vergleichbar mit der Fußball-Bundesliga in Deutschland. Die Klubs gehören Einzelpersonen oder kleinen Gruppen, die Gewinne erzielen wollen. Nur das Klub-Interesse zählt, für die Bildung von National-Mannschaften gab es bisher keine Zeit und auch keine Notwendigkeit. Doch durch die Gründung immer neuer Klubs sank das Niveau. Auch im Mutterland des Eishockeys, das zeigte sich schnell, ist die Zahl wirklicher Klassespieler nicht beliebig vermehrbar.

Während das Eishockey in Kanada leistungsmäßig stagnierte, ging es in dieser Sportart in der UdSSR stürmisch bergauf. Aufbauend auf dem Bandy-Spiel, einer Art Eishockey mit einem Ball, wurde Eishockey in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt und weiterentwickelt. National-Mannschaften der UdSSR hamsterten mittlerweile 14 Weltmeisterschaftserfolge und fünf Olympia-Siege. Sowjetische National-Trainer können heutzutage aus einem Reservoir von drei Millionen Aktiven schöpfen. Eishockey, das von den Spitzenspielern mittlerweile über zehn Monate im Jahr betrieben wird, überholte in der UdSSR sogar den Fußball und ist dort unumstritten die populärste Sportart.

Dies nun sind die Ausgangspositionen für den Kanada-Cup, der in Kanada weit mehr Interesse findet als alle 198 Wettbewerbe der Olympischen Spiele zusammengenommen. Rund 30 Millionen Einnahmen versprechen sich die Organisatoren, an Prämien gibt es für die sechs Mannschaften 465 000 Dollar zu gewinnen. Das Fernsehen ist bei den 18 Spielen live dabei. Erstmals in seiner 126jährigen Eishockey-Geschichte bietet Kanada eine National-Mannschaft mit den stärksten Spielern auf. Schweden setzt zehn seiner in Nordamerika tätigen Profis ein, Finnland fünf. Der Überraschungs-Weltmeister 1976, die ČSSR, kommt mit seinem stärksten Team, und bei der Sowjetunion, die sich auf die Konfrontation am intensivsten vorbereitet hat, fehlen lediglich ihre Stürmer-Stars Charlamow und Jakuschew.