Ein Werbe-Lockruf der ostfriesischen Insel Langeoog heißt "Ankommen und abschalten". Was Autos angeht, so schaltet, wer auf die Insel reist, schon am Festland ab, in Bensersiel, dem Ausgangspunkt der Fährschiffe. Das Land Niedersachsen und die Langeooger haben es sich was kosten lassen, daß sie – seit Mitte Juli – unabhängig von der Tide den Wasserweg benutzen können. Eine Kleinbahn aus bunten Waggons besorgt den Weitertransport vom Inselhafen zum Ort, in dem Kutschen mit ein bis zwei Pferdestärken auf Autoreifen herumzuckeln. Man kann sie zum Spazierenfahren auf der neunzehn Quadratkilometer großen Insel bestellen oder sie als Flughafenbus benutzen. Denn außer im Hafen kann man auch auf der grünen Wiese – sprich Flugplatz – ankommen, mit vier- bis sechssitzigen Maschinen von Düsseldorf, Hamburg und anderen Orten, auch von Esens gleich hinter Bensersiel aus.

Der Ort Langeoog ist klein (2800 Einwohner, die überwiegend vom Fremdenverkehr leben), der Strand ist groß. Ohne Buhnen erstreckt er sich über vierzehn Kilometer der Nordküste und ist selbst bei Flut noch breit genug, daß die 2200 Strandkörbe nicht in ein Gedränge geraten wie an der Lübecker Bucht, obwohl sie auf den Bade- und Burgenstrand nahe dem Wahrzeichen Wasserturm (aus dem Jahre 1908) beschränkt sind. Der Rest ist Schweigen, Meeresrauschen in Maßen, grasbewachsene, mäßig hohe Dünen, Muschelfelder, ein Aufforstungsgelände im Westen, Naturschutzgebiet mit Vogelkolonie im Osten.

Alles zusammen ergibt Großvaters liebe, alte Sommerfrische, mit der allein kein Bad mehr zu machen ist. Das weiß die Kurverwaltung, und sie weiß zum Glück auch, daß der Versuch, die Sommerfrische durch Betonhochhäuser aufzufrischen, Fehlspekulation sein kann. An warnenden Beispielen hat es ihr ja nicht gefehlt. Mag sein, daß die Einsicht sich nachträglich einstellte, die Armut von der pauvreté kam – jedenfalls gibt es auf Langeoog solche Monstren nicht. Trotzdem oder gerade deshalb hat für die friedliche Insel die Zukunft vielleicht schon begonnen.

Jedenfalls sind die Schildbürger-Ostfriesen auf der Insel nicht am Werke. Man baute vor drei Jahren ein Kurmittelhaus, das sich auch an Orten mit mehr Repräsentations-Image sehen lassen könnte, es gibt ein Meerwasser-Wellenschwimmbad, das ganzjährig in Betrieb ist, eine Tennishalle mit zwei Plätzen, Tennisplätze im Freien, Pferde und Ponys zur Miete. Und Fahrräder zum Ausleihen die Menge, Räder für Kinder und Erwachsene, alle blitzblank und ziemlich neu. Selbst in der Hauptstraße radeln schon Dreijährige umher – und das, ohne besorgt wachende Eltern. Dort tritt einen nicht einmal ein Pferd.

Saison ist von Mitte Mai bis Mitte September wie überall an Nord- und Ostsee, wo nicht durch mehr Angebot mehr als Natur geboten wird. Das Frühlings-, und Winterangebot heißt natürlich Ruhe, aber Ruhe allein genügt eben nicht. Eine Hoffnung mehr, auch an rauhen, grauen Tagen Gäste anzuziehen, bezieht Langeoog aus dem neuen 84-Betten-Hotel Upstalsboom, das in Komfort und Küche auch für Winterfrischler attraktiv ist. Anders als an den langen hellen Tagen sind dann die Gästezimmer ja nicht nur zum Schlafen da, und die des im Juni erst eröffneten Neubaus haben mehr als die übliche Serienbehaglichkeit. Man kann drin wohnen und sich wohl fühlen, wenn kalter Nordseewind bläst.

Wer den Nicht-Betrieb sucht, Langeweile nicht fürchtet, allein oder nicht ganz allein seine Ruhe haben will, sollte ruhig mal nach Langeoog übersetzen. Es muß nicht immer Gebirge sein – auch nicht an Weihnachten, wenn es schneit.

Ruth Herrmann