Den neuen Menschen zu erschaffen – nichts Geringeres hatten sich die Kommunisten Chinas zum Ziel gesetzt. Mao hat ihn so oft beschrieben, daß alle Welt sich ihn vorstellen kann: selbstlos, opferbereit, allein dem Volke dienend, einer, der alle Schlacken der verderblichen bürgerlichen Moral und des gemeinschaftsfeindlichen Individualismus abgestreift hat. Ob es ihn wirklich schon gibt, daran ließ der fortwährende Klassenkampf in China allerdings Zweifel aufkommen.

Doch jetzt hat ihn die chinesische Propaganda entdeckt: in den Trümmern der Erdbebenstadt Tangschan. Dort gab es einen wackeren Genossen, dessen Kinder unter seinem eingestürzten Haus verschüttet lagen und herzzerreißend um Hilfe schrien. Doch der Vater, seiner Pflicht gegenüber der Gemeinsamkeit bewußt, rettete zuerst den Nachbarn, einen Parteisekretär, der so schnell wie möglich die Rettungsarbeiten organisieren mußte. Als er zurückkam, waren seine Kinder verstummt – für immer. Doch fühlt der Vater weder Reue noch Gewissensbisse – allenfalls "stolze Trauer". Er hat richtig gehandelt, im Einklang mit der herrschenden Moral, und die Partei bestätigt es ihm nur zu gern.

Klarer kann der Unterschied zwischen totalitärem Gemeinschaftsdenken und individuell-freiheitlicher Moral nicht dargestellt werden. Der maoistische Idealstaat, dessen Vorzüge zu preisen fanatische Jünger im bundesdeutschen Wahlkampf nicht müde werden, setzt eine andere Wertordnung. In ihrer extremen Zuspitzung ist sie. nicht allzu fern jenem "Du bist nichts, dein Volk ist alles", das vor gut vierzig Jahren noch an unseren Schulen gelehrt und geglaubt wurde.

Kj.