Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, Ende August

Weder beflügelt das Kandidatenkabinett des Doktor Kohl übermäßig die Phantasie, noch bleibt es allzu weit hinter den Erwartungen zurück. Der Berg hat lange gekreißt und schließlich einen repräsentativen Querschnitt hervorgebracht – repräsentativ für das breite und oft widersprüchliche politische Spektrum der Union.

Anderes war nicht zu erwarten. Noch weniger als ein Kanzler kann ein Kanzlerkandidat bei der Auswahl seiner Mannschaft souverän schalten und walten, erst recht nicht, wenn ihn die CDU/CSU auf den Schild gehoben hat. Noch immer denkt die Union mehr in Personen als in Programmen. Das macht jede Personalentscheidung schwierig – besonders, seit die Opposition das gelobte Land der Regierungsgewalt wieder in Reichweite sieht. Da drängen viele in das Boot.

Zudem kommen die vielen aus vielen Gruppen. Helmut Kohl ist ihnen um so mehr verpflichtet, als er nicht als Repräsentant eines bestimmten Flügels, sondern als der Mann ausgewählt wurde, in dem sich die Widersprüche in der Union am glaubwürdigsten austarieren und mit dem sich die Partei die meisten Wahlchancen ausrechnet. Wenn Kohl so unablässig von "Gemeinsamkeit" spricht und oft geradezu euphorische Siegeszuversicht zeigt, dann ist das nicht nur Rollenspiel; er sieht sich als Mitte der Union und als Träger eines Sieges am 3. Oktober.

Das hebt freilich die Widersprüche nicht auf. Nachdem Kohl im Sommer 1975 den steinigen Weg zur Kandidatur zurückgelegt hatte, ist wiederum ein ganzes Jahr verstrichen, bis er seine Mannschaft vollzählig vorzuzeigen vermag. Zum Teil ist diese Vorstellung auf Raten dem Publizitätskalkül entsprungen; im wesentlichen aber hat sie mit der personalisierten Vielfalt in der CDU/CSU zu tun.

Diese Vielfalt läßt sich nur durch Addition in den Griff bekommen. Es war kein Zufall, daß Kohl um jene Führungsriege der Union, die im letzten November zur grundsätzlichen Wahlkampfvorbereitung gebildet wurde, eine schier endlose Schärpe schlang. Damals sprach er von dem christlich-sozialen-konservativ-liberalen Spektrum der Union. Noch weniger ist es Zufall, daß sich die zehn Politiker, die damals zum Olymp erhoben wurden, jetzt bis auf einen – Gerold Tandler, den Generalsekretär der CSU – im Regierungsaufgebot der Opposition wiederfinden.