Berlin: "Hans-Jürgen Diehl"

Das programmatische Gemälde "Weg zu einer Utopie" stellt Diehls Methode vor, schwierige gedankliche Zusammenhänge als Bild zu inszenieren. In der Anschauung stellt sich solche Utopie nur vermittelt in der Konfiguration von Gegensätzen her. Auf der formalen Ebene ist es fast ironisch, wie Diehl das Bild in eine helle und eine dunkle Zone teilt, wie er im Finstern die Repräsentanten einer mondänen Morbidezza zusammenfaßt, aber auch das reale Leiden der Hungernden. Beherrscht wird die Widersprüchlichkeit des Bildes von zwei Frauengestalten, die jeweils einer Bildhälfte zugeordnet sind und die ikonographische Tradition assoziieren: die Konfrontation zwischen himmlischer und irdischer Liebe. Im Katalog macht Eberhard Roters darauf aufmerksam, daß sich der Realist Diehl für seine komplexen Bildprogramme "der allegorischen Form" bedient. Gleichsam in allegorischer Intention bricht Diehl Realitätsfragmente aus ihrem Zusammenhang, um sie zu neuer Bedeutung zu komponieren. Dafür entwickelt er ein Arsenal von Bildzeichen: Schläuche und technische Apparaturen etwa, die den menschlichen Wahrnehmungsorganen, Auge und Ohr, oder auch direkt den Gehirnwindungen angeschlossen sind, stehen für den Zusammenhang globaler gesellschaftlicher Manipulation. Mit der Montage tradierter und erfundener Chiffren verlegt Diehl die Lesbarkeit der Bilder gerade in ihre Verrätselung: ein Appell an den Betrachter, die Allegorie als Realität zu entziffern. (Galerie Poll, bis zum 25. September, Katalog 5 Mark) Katrin Sello

Heidelberg: "Eros und Sexus in der Kunst des 20. Jahrhunderts"

Voyeure werden enttäuscht. Die Ausstellung vereinigt nicht lustvoll-süffige Darstellungen des Themas, die Auswahl konzentriert sich auf Werke, die über die Tabuisierung und Enttabuisierung des Sexuellen Auskunft geben. Die "Salome"-Konjunktur am Beginn des Jahrhunderts beruhte darauf, daß diese Figur wie keine andere Unschuld und Sadismus in sich vereinigte. Die Tochter des Herodes war die femme fatale schlechthin, der Mann wurde ihr beklagenswertes Opfer und war damit gewissermaßen entschuldigt. Auf den Blättern der deutschen Expressionisten ist die amoralische Sexualität in den Städten der – gleichsam paradiesischen Erotik in der Natur gegenübergestellt: kommerziell ausgebeutete Entblößung dort, bukolische Nacktheit hier. So sehr weit entfernt von der späteren, völkisch verbrämten FKK-Ideologie war das eigentlich gar nicht. Ganz anders die anarchische Sexualität im Surrealismus, die in der preziösen Erotik der Neo-Manieristen gelegentlich noch unterschwellig weiterwirkt. Die Vermarktung sekundärer Geschlechtsmerkmale (auch in der Kunst) hat die Denunziation eben dieser Vermarktung provoziert – die Frage der Moral hat eine politische Dimension erhalten. (Galerie Rothe bis 12. September, Katalog 20 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "New York in Europa – Amerikanische Kunst aus europäischen Sammlungen" (Nationalgalerie bis 7. November, Katalog 20 Mark)

Berlin: "Planquadrat Soho – New York Downtown Manhattan" (Akademie der Künste bis 2. Oktober, Katalog 25 Mark)