Fünfzig Jahre ist er alt, der Funkturm. „Langer Lulatsch“ haben ihn die Berliner sinnig getauft. Wenn sie könnten, würden sie ihm einen Orden umhängen, für treue Dienste. Er ist ihr liebstes Wahrzeichen. Sie lieben ihn mit der Sentimentalität, wie nur der Berliner sie Berlinischem gegenüber aufbringen kann.

Die, die aus der Stadt emigrierten, haben Sehnsucht nach ihm. Es soll sogar welche geben, bei denen fängt das Heimweh schon an, wenn sie seine Spitze nicht mehr im Rückspiegel ihres Autos sehen. Das zu verstehen, muß man Berliner sein.

Alle Städte, die auf sich halten, haben inzwischen höhere Türme: Fernsehtürme, mit Restaurants, die sich drehen können wie langsame Karussels, so in Hamburg, München und Stuttgart. Auch der andere Teil der Stadt Berlin hat so einen jüngeren, höheren Bruder. Der Liebe der West-Berliner zu ihrem Funkturm tut das aber keinen Abbruch.

Was haben die Jungen schon gesehen... Der Funkturm hat noch die Zwanziger Jahre erlebt, zu seiner Eröffnung spielte das Funk-Orchester „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“, ein 3000-Watt-Scheinwerfer leuchtete von der Turmspitze 60 Kilometer im Umkreis, von einem Motor 25 mal in der Minute um die eigene Achse gedreht. In Höhe des Lokals strahlte abends eine riesige Wandschrift mit rund 4000 Glühlampen. Ganz zu schweigen von dem, was sich zu seinen Füßen abspielte: all die Funkausstellungen und Grünen Wochen. Mehr noch zu schweigen von Ausstellungen, die „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit“ hießen oder „Gebt mir vier Jahre Zeit“, frei nach Hitlers Satz: „Gebt mir vier Jahre Zeit, und Ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen.“

Man kann es dem Funkturm schließlich nicht anlasten, daß über eine Million Menschen, damals in diese Ausstellung strömten. Und er kann nichts dafür, daß beim Großbrand 1935 auch SA-Leute seine Flammen löschten. Er ist ein schlichtes Gebilde aus 400 000 Kilo Stahl, mit so viel Seele, wie die Berliner ihm andichten.

Im Krieg wurde es still um ihn. In den Messehallen war Getreide eingelagert, auf der Aussichtsplattform stand ein Posten. Ob in Uniform oder Zivil, ist heute nicht mehr festzustellen. Auch ob der Turm während des Krieges für Besucher geöffnet war, weiß heute niemand mehr. Die Berliner Männer waren mit Krieg beschäftigt, die Frauen und Kinder, die zu Hause geblieben waren, hatten andere Sorgen. In den letzten Kriegstagen brachten Granaten den Turm fast zum Einsturz. Mit 7,2 Tonnen Stahl und 800 Kilo Schrauben und Nieten wurde er wieder zusammengeflickt.

1929 wurde von seiner Spitze das erste Fernsehbild, noch ohne Ton, ausgestrahlt. Es dauerte bis 1951, ehe mit der Antenne auf seiner Spitze der tägliche Fernseh-Versuchsbetrieb aufgenommen wurde. Die Berliner Rundfunksender haben ihre Antennen an günstigeren Orten postiert, schon die Antenne, für die der Turm erdacht worden war, fand nicht auf seiner Spitze, sondern nur in seiner Nähe ihren Platz. Heute benutzen – neben dem Fernsehen – lediglich Taxifahrer, Polizei und Funkamateure den Turm.

Es war mehr das Drumherum, was ihn berühmt gemacht hat. Das Restaurant in 55 m Höhe – Berlins ehemaliger Bürgermeister Ernst Reuter hat sogar dort oben geheiratet. Der Fahrstuhl bringt pro Minute täglich rund 1000 Berliner und Berlin-Besucher in vier Sekunden Geschwindigkeit in die Höhe von 126 Metern. Da stehen sie dann, überlegen, ob der Turm schaukelt, suchen das Europa-Center und den Ost-Berliner Fernsehturm zu erspähen, kaufen ein Schnapsglas mit der Abbildung des Funkturms drauf, einen Berliner Bären, oder einen Mini-Funkturm für die Glasvitrine im Wohnzimmer. Wer mit Selbstmordabsichten gekommen ist, muß feststellen, daß eine übermannshohe Manschette ihn an solchem Tun hindert.

Berliner lieben ihren Funkturm, besonders bei weihnachtlicher Beleuchtung. Berliner sind nun mal so. Als der Turm 35 wurde, kam er unter Denkmalschutz, und nun ist er 50. Und immer noch ist er Wahrzeichen, und immer noch finden die Berliner ihn schön, auch wenn er so viel provinzieller ist als die jüngeren Brüder. Schließlich steht er doch in Berlin, da muß er doch schön sein.

Marlies Menge